:WUMPSCUT: .Interview „I am not your toy!“ ..[ mailer ]
 

Es gibt verschiedene Definitionen von Talent und noch mehr vom provokativen Verhalten, aber es gibt nur ein einzigen Namen, der diese Begriffe so prätentiös zusammenfassen kann. Rudy Ratzinger – Autor und Ideologieführer des Projektes Wumpscut - breit bekannt mit seiner devianten persönlichen Wirkung, - präsentiert er nun sein 11. Album mit dem ganz eindeutigen Namen „Fuckit“ [ review ] – neue persönliche Transformation von Schmerzen, mit dem bitterem Geschmack der Epoche. Es gibt keinen besseren Grund, um sich mit so einer extravaganten Person in Verbindung zu setzen und von der Urquelle über die Psychoaspekte seiner musikalischer Erschaffung zu reden. Ratzinger über seine moralische Lebenseinstellungen nachzufragen und mit der Ursache die „rote“ Orientierung des Albumssymbols klar zu kommen. Das Ergebnis – ein Interview, ein virtuelles Gespräch, welches mehr oder weniger auch wortreiches benennen sein kann, ausgedrückt mit individueller Ästhetik und Sinn, ist der Blick zurück und die Herausforderung für das Dasein.

 

Julia: Was denkst du, warum gibt’s so viele böse Sachen in der Welt und gibt es deiner Meinung nach irgendeine Heilung dagegen?
Rudy: Böse Sachen gibt es solange auf der Welt, bis das Gute einfacher zu erreichen ist als das Schlechte - nie also. Nicht zu ändern, damit würd ich mich frühzeitig abfinden, wenn ich nochmal anfangen müsste/könnte hier.

Julia: Du arbeitest schon seit langem mit einem mysteriösen DJ Dwarf.
Rudy: Ja, SO mysteriös isser nun AUCH nicht.

Julia: Genauer gesagt neun Alben sind bis heute unter seinem Namen erschienen, die wie eine Aufzählung benannt sind. Erzähl uns bitte mehr über diese Zusammenarbeit…
Rudy: DWARF ist der Name der Serie, die speziell für DJs ins Leben gerufen wurde (im Jahr 2001, soweit ich mich noch erinnern kann: der erste war der zu Wreath Of Barbs). Dwarf/Zwerg daher, weil ursprünglich gar nicht daran gedacht war, eine DJ Single so aufzublähen, wie es in den letzten Jahren passiert ist - ein neuerer Dwarf ist daher fast als eigenständiges Album zu bezeichnen wohl eher.

Julia: In deinem ersten Lied des neuen Albums hört man das Zitat aus dem Film «Das Leben der Anderen», wo es um gute Menschen und Musik geht. Hat dich dieser Film wirklich fasziniert?
Rudy: Gut erkannt - vielleicht sogar als Erster. Dass es hier natürlich um den Amoklauf in Finnland geht, liegt auf der Hand, aber ganz unabhängig davon ist «Das Leben Der Anderen» von vorn bis hinten eine Sensation, denk ich.

Julia: Es ist schwer zusammenzuzählen wie viele Alben, Singels, Special Releases, Sammlungen, Neuausgaben, Alben mit Remixen die unter deinem Namen erschienen sind. Wieso so eine komplizierte Diskografie?
Rudy: Die Zeiten haben sich massiv geändert, es gibt alle möglichen Strömungen - unter anderen sogar eine Vinylkäuferschicht, die keine CDs mehr haben will. Die Box ist zunehmend wichtiger geworden in den letzten Jahren.

 

Julia: Was ist für dich dein Schaffen? Intellektuelle Herausforderung, der Wunsch sich zum Großem zu nähern oder die Leidenschaft, dorthin zu schreiten, wohin andere sich nicht unterstehen dürften?
Rudy: Mir alles fremd, ich MACH das eben. Sicher eine Talentfrage, aber allein schon dieser Begriff ist mir ein Greuel.

Julia: Auf dem Cover von „Fuckit“ sehen wir Hammer und Sichel – das Hauptsymbol des Kommunismus. Was hat dein neues Album damit zu tun?
Rudy: Ist nur ein grafisches Element - und zurückzuführen auf einen simplen Freewarefont. Die Weiterentwicklung zur fertigen Grafik ist jedoch nicht so einfach, wie sich dies jetzt liest.

Julia: Sogar ein Name des Liedes „Gulag“- ein Repressionssystem in der Sowjetzeit. Warum auf einmal dieses Thema?
Rudy: Den Begriff hatte schon Jahre vorher in der Schublade, doch jetzt passt das einfach sehr gut.

Julia: Warst du schon mal in Russland bzw. in Sibirien?
Rudy: Nein!

Julia: Interessierst du dich für die Geschichte der Sowjetunion 30-50er Jahren letztes Jahrhundert?
Rudy: Ja, UND WIE!

Julia: Wo fand das Foto-Shooting für das neue Album statt? Wem gebührte die Ehre das sowjetische Mädchen zu spielen­?
Rudy: Sadie Sicfuk hab ich in ihrer Eigenschaft als :W:-Fan über MySpace kennengelernt, nach und nach hat sich dann die Idee festgesetzt, sie mal mit einzubauen in eine Grafik. Die Begriffe Fuckit und Cut To See How Much I Bleed stammen ebenfalls von ihr. Das Shooting war irgendwo in USA, das weiss aber nur sie - aber aufpassen, die BEISST.

Julia: Mehr als 30 release Parties sind durch ganz Deutschland geplant und bei 5 von Ihnen bist du auch dabei, trotz deiner Meinung nie live aufzutreten. Bekräftigt es nicht den Ausdruck «sag niemals «nie» und dass sich feste Meinungen mit der Zeit auch ändern könnten?
Rudy: Anwesenheit bei einer Releaseparty ist kein Konzert, insofern bleibt wohl alles beim Alten/Bewährten.

Julia: Wie lange arbeitest du schon mit Nina Cording auch bekannt unter dem Namen Yendri?
Rudy: Seit 2005.

Julia: Du hast auch deine eigenen Favoriten...
Rudy: Du meinst die GÖRLS? Es erschien mir viel sinnvoller, als Top 40 die besten rauszusuchen im Pool, als einfach nur andere Combos vornean zu stellen.

Julia: Es gibt die Meinung, dass dein Album «Wreath of Barbs» das beste in deiner Musikkarriere ist. Was denkst du selber?
Rudy: Ha, diese Meinung gibts zu fast JEDEM :W:-Album. Halt, jetzt aber nicht falsch verstehen, SO hab ich das nun nicht gemeint.

 

Julia: Was denkst du selber? Welches deiner Alben ist dein liebstes Baby?
Rudy: Kann ich dir nicht sagen, viel zu sehr wie eigene Kinder in der Wanne.

Julia: Wo liegen die moralischen Grenzen die du mit deiner Musik nie überschreiten würdest?
Rudy: Schwer zu sagen, schwer zu sagen - vor allem deswegen, weil ich ja oft keine Aussage treffe, sondern nur beschreibe. Und dies hat dann ja nichts mit Moral zu tun.

Julia: Sind die schöpferischen Energien, die durch den Künstler fließen und der Künstler selber eine einzelne Einheit oder zwei verschiedene Wesen?
Rudy: Ha, da fragst du wohl besser mal einen Szenevogel, der meint, ohne ihn würd's nicht gehen hier auf diesem Planeten.

Julia: Wie soll, deiner Ansicht nach, die perfekte Gesellschaft aussehen?
Rudy: Sowas existiert nicht - selbst bei einem simplen DINNER tun sich die Menschen 5x die Woche schwer, die volle Punktzahl zu erreichen.

Julia: Wie gehst du denn mit deinen eigenen melancholischen Attacken und depressiven Gedanken um?
Rudy: Hab ich keine.

 

Julia: Hast du keine Angst, dass wenn man zu lang in den Abgrund schaut, er sich in dir selbst wiederspiegelt oder dich selber total aufsaugt?
Rudy: Nein.

Julia: Stimmst du zu, dass die Hoffnung das größte Übel ist, dass die Qual verlängert und den Verstand weiter begründbar über sich selber verhöhnen lässt?
Rudy: Unter Umständen: ja.

Julia: Was denkst du über Mitleid, Mitgefühl und Teilnahme von Leuten?
Rudy: Sowas hab ich durchaus - auch, wenn's ganz anders klingt immer.

Julia: Und was denkst du überhaupt über den Menschen der Gegenwart?
Rudy: Der Mensch an sich hat sich wenig geändert, seit es ihn gibt, denk ich vor allem. Die Zeiten sind zunehmend unblutiger, das ist doch dann schon mal was.

Julia: In einem Interview von dir sagtest du über das Leben, dass niemand dich hierher eingeladen hat und der Tod nutzbringender sei. Welchen Sinn siehst du noch in deinem weiteren Dasein?
Rudy: Ich seh die ganze Veranstaltung hier sehr pragmatisch - den Sinn im Leben musst du dir schon selbst suchen, der KOMMT nicht einfach.

Julia: Und ist es schlimmer, wenn der Tod oder das Leben von dem Menschen abgenommen wird?
Rudy: Das kommt auf den Einzelnen an. Als Atheist drehst du dich sozusagen ohnehin immer im Kreis, denn wenn du tot bist, hast du davon ja nichts (mehr).

Julia: Nach welchen moralischen Gesetzen lebst du?
Rudy: Nach ganz moderaten.

Julia: Ist es möglich dass jeder seine eigene Moral erschaffen kann und nicht damit die gesellschaftlichen Gesetze der Sittlichkeit ruiniert?
Rudy: Denk schon, ja - aber das ist ein langer, langer Weg, und die Frage ist dann wohl eher, ob wir die Perfektion nicht vielleicht DOCH lieber 5x die Woche...

Julia: Warum bleiben die ganz Großen dieser Welt sehr oft unverstanden?
Rudy: Tun sie das? Ich weiss es nicht. Bin ja keiner davon. Oder doch? Ja. Nein. Ja. HA.

Julia: Wie nah sind für dich die philosophischen Postulate des Friedrich Nietzsches und was denkst du über seine Theorie über den Wille zur Macht?
Rudy: Höchst interessante Ausführungen, aber Schopenhauers Satz 'Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber nicht wollen, was er will' ist für mich erheblich wichtiger.

Julia: Was ist, in deinen Augen, das großte Unheil des 21. Jahrhunderts?
Rudy: Mein Gott, was DU alles wissen willst, HA? Seltsam, mir aber 10x lieber als das ewige Geschwafel vieler deiner etablierten Kollegen... Also dann: kann ich nicht sagen, das kommt ganz darauf an, wen du meinst/wen du fragst etc. etc.

Julia: Durch welche Taten oder Erschaffungen wird der einzellne Mensch groß?
Rudy: Adolf Hitler fehlte ja 'ein Gran Güte', sagte Joachim C. Fest - DER fällt also schon mal weg.

 

Julia: Wo siehst du deine Prädestination?
Rudy: Ich bin mir nicht sicher, ob es die überhaupt gibt, dazu erscheint mir die Veranstaltung hier viel zu lapidar.

Julia: Ist das vorherbestimmt oder wählt jeder Mensch seinen Weg selber?
Rudy: Das streift denselben Komplex: ich weiss es nicht. Wenn ich mir aus einem Kaugummiautomaten was raushol, wer weiss das schon, ob nicht vielleicht DOCH eine höhere Macht die Finger im Spiel hat...

Julia: Auf welche Träume im Leben sollte man besser verzichten?
Rudy: Auf die UNerreichbaren. Ganz einfach eigentlich, schwieriger ist eher, den Unterschied zu den REALISIERBAREN zu erkennen.

Julia: Das ganze Leben ist Schmerz und das ganze Leben ist Krieg. Ist es eine feste Tatsache oder nur eine Einstellungssache, wo jeder für sich selbst entscheidet, was das Leben für ihn bedeuten kann?
Rudy: Tjaaa: DA geb ich dir recht, das muss jeder für sich entscheiden. Überhaupt hab ich's nicht so mit allumfassenden Weisheiten, die führen sich nämlich selbst schon dann ad absurdum, wenn sie ersonnen werden: sie MÜSSEN Vereinfachungen sein, sonst kriegst du sie nicht in Worte rein.

Julia: Und abschließend - was ist „the boo“?
Rudy: The Boo ist, wie gesagt, inspiriert von Sadie und behandelt ein für :W: sehr ungewöhnliches Thema: Kindesmissbrauch. Boo ist im Englischen nichts anderes als Buh in deutsch - ein einfaches, kindliches Wort, um jemanden zu erschrecken (nur ein Bisschen/Bisschen mehr/auch zutode aber) - liegt ganz bei dir, die richtige Dosis zu finden. Weitere essentielle Information über den Song/die zum Einsatz gebrachten Sounds: es wurde Zeit, den Menschen zu demonstrieren, dass ein billiger Techno Arpeggiator Synth sehr wohl auf einem höheren Niveau funktionieren kann, ohne dass es einem gleich die Zehennägel hochdreht. Soll es ja geben ab und zu in der Szene, NICHT WAHR? Q. E. D., wenn du mich fragst.

 
Interview geführt von Julia Suvorova .[ mailer ]
Homepage Künstler www.wumpscut.de