Woodstage Special 2005 - [ 11. 06. 2005 ]
 
Das beliebte WOODSTAGE zog um! Und das für den Hauptact des Jahres MARILYN MANSON! Stammbesucher des Festivals werden sich im Vorfeld sicher gefragt haben, lohnt sich dieser Aufwand und wird das bisher schnuckelige und sehr überschaubare Festival dann nicht seinen ganz besonderen Reiz verlieren? Um das schon mal vorweg zu nehmen: es hat sich gelohnt. Das Line Up war wirklich vorzüglich und auch die Atmosphäre hat nach Meinung unseres Fotografen, der letztes Jahr schon das Objektiv beim WOODSTAGE geschwungen hat, nicht gelitten. Allerdings stand wirklich alles im Schatten des allgegenwärtigen MARILYN MANSON: schon beim Einlass konnte man in der wartenden Menge viele MANSON-Look-a-Likes und mit entsprechenden Devotionalien ausgestattete Fans ausfindig machen.
 
So langsam füllte sich auch der Platz vor der Bühne, denn nun sollten STAUBKIND uns ihre Aufwartung machen. Ich war schon sehr gespannt auf die kommenden 40 Minuten, da die Band dieses Jahr bereits beim WGT in der Moritzbastei einen großen Erfolg feiern konnte. Sie selbst bezeichnen sich als inspiriert von OOMPH, LINKIN PARK, EVANESCENCE und ZERAPHINE, wobei ich besonders viele Anleihen von letzteren heraushören konnte. Bandleader Louis Manke hat eine ähnlich sanfte, leicht tiefe Stimme wie Sven Friedrich und auch eine wirklich erfrischend sympathische Art mit seinem Publikum umzugehen. STAUBKIND performten einige Titel der CD „Traumfänger“, u.a. auch die erste Single „Keine Sonne“, „Schlaflied“ und „Mein Herz“. Ein besonderes Schmankerl gab es zum Ende des Auftritts: Den letzten Song „Ein Traum der nie vergeht“ sang Louis zusammen mit Nik Page, mit dem er den Song auch geschrieben hatte. Ich hätte gern noch das Selig-Cover „Ohne dich“ gehört, aber auch so war es ein gelungener Auftritt – STAUBKIND werden ihre Fangemeinde sicher vergrößert haben.

 

Nun folgten die mit Spannung erwarteten Lokalmatadoren LETZTE INSTANZ, die ihren erst dritten Auftritt mit ihrem neuen Sänger Holly abliefern sollten. Anderthalb Jahre zeigte sich die Dresdner Band auf keiner Bühne – auf der es nun bei sieben Bandmitgliedern richtig eng wurde. Im Vorfeld hatte man schon angekündigt, die Bühnenshow weniger aufregend als in der Vergangenheit zu gestalten. Das war auch gut so, das Zusammenspiel der INSTANZler war äußerst homogen und harmonisch. Die melodiöse Mischung aus Pop, Gothic, Klassik und Metal kam beim Publikum sehr gut an. Natürlich hatten sie auch den eben erwähnten Lokal-Bonus und so wurde „Das schönste Lied der Welt“ und „Rapunzel“ lauthals mitgesungen. Sänger Holly hatte seine „Feuertaufe“ vor großem Publikum auch bestanden, er hat eine sehr warme Stimme und eine doch recht charismatische Ausstrahlung. Seine Nervosität gab er bei der Ankündigung vom „Mein Todestag“ zu – diese war aber gänzlich unbegründet. Er kann Robin S. ersetzen, aber um ihn in den Schatten zu stellen benötigt es sicher noch einige Auftritte. Dennoch tobte die LETZTE INSTANZ über die Bühne, als hätte es die diversen Besetzungswechsel nie gegeben.
 
Fliegender Wechsel und wieder zurück in die Halle. Dort wartete bereits der nächste Newcomer auf seinen Auftritt. Und der hatte es in sich. Mit PTYL stellt sich die Elektroformation aus Israel zum ersten Mal dem deutschen Publikum vor. Ihr aktuelles Werk "Hell Sounds" wird in den einschlägigen Medien in den höchsten Tönen gelobt, doch jetzt ist es an der Zeit, dies auch live umzusetzen. Schon das Outfit des Sängers ist provokant. Auf seinem nicht mehr ganz neuen Anzug pappt ein Judenstern. Auch der Bursche an der Klampfe steht dem im nichts nach, trägt er doch eine Militäruniform. Damit aber nicht genug: Der Mann an den Tasten sieht aus wie ein Entlaufender aus einem Irrenhaus. Auch auf seinem Kittel befinden sich Symbole. Jetzt aber zur Musik. Gleich der Opener "The Passion Of Lovers" überrascht mit einem Bombastsound und einer angenehmen Stimme. Der Keyboarder zieht an dem am Boden stehenden Instrument seine eigene Show ab; Liegend (!!!) bedient er das Gerät und schneidet dabei Grimassen. PTYL spielten ein Set aus Stücken der aktuellen CD und auch non Albumtracks wie z.B. den Opener. Natürlich wurden auch "Infernal Citizen" und "Hell Sounds" performt. Zur Mitte des Sets bekam der Sänger dann auch weibliche Unterstützung, die sich, gehüllt in einer Art Nonnenrobe, an ihm zu schaffen machte. Ich bin der Meinung, PTYL stellen eine Mischung aus SKINNY PUPPY, MARILYN MANSON und LAIBACH dar, die ebenfalls dafür bekannt sind, mit ihren spektakulären Shows zu provozieren. Wer sich selbst ein Bild davon machen will, sollte einen ihrer Gigs besuchen. Und wem haben wir diese Band zu verdanken? Bruno Kramm, eine Hälfte von DAS ICH, ist auf diese ungewöhnliche Formation aufmerksam geworden und fördert diese auf seinem Laben Danse Macabre. Hinter dem Mischpult war er auch für deren Livesound beim Woodstage verantwortlich.
 
Als nächstes sollten GOETHES ERBEN die Live-Umsetzung ihrer Stücke zum Besten geben. Auch diese Band hatte eine längere Live-Pause hinter sich (mal abgesehen von Henkes Lesereise). Allerdings im Gegensatz zu LI ohne Umbesetzung – was wären die Erben auch ohne ihren Mastermind Oswald Henke?!! Und so enterte er nach gut einem Jahr Pause die Bretter, die die Welt bedeuten. Das Musiktheater der Erben konnte beginnen! An den Keyboards und Percussions wie immer Mindy Kumbalek. In der Live-Umsetzung der teils bitterbösen und zynischen Lyrik konnte Oswald Henke sein schauspielerisches Talent vollends ausleben: Er fegte in seinem schwarzen Ledermantel wie ein Derwisch über die Bühne und fesselte die Anwesenden mit seiner ausgeprägten Mimik. Die Zuschauer agierten zunächst etwas verhalten, aber eine kleine Fangemeinde direkt vor der Mainstage feierte ihren Helden. GOETHES ERBEN sind eben keine leichte Kost.
 
Das soeben Gehörte noch verarbeitend, verabschiedeten wir uns von dem Geschehen, um uns der leichteren Muse zuzuwenden. Oder besser gesagt, um unsere knurrenden Mägen zu beruhigen. Denn neben dem musikalischen Programm wurden auch ein Mittelaltermarkt und die obligatorische Händlermeile geboten, über die wir nun schlenderten, und das ein oder andere Getränk zu uns nahmen. Lange verweilen konnten wir allerdings nicht, denn ein Ereignis jagte buchstäblich das nächste an diesem Tag! Es war oftmals recht schwierig, wirklich alle Bands komplett zu erleben, da sich die Auftritte auf dem Freigelände und Indoor teilweise etwas überschnitten. Großes Lob noch mal an die Organisatoren, die das Problem logistisch wirklich gut gelöst hatten und auch die Zeitpläne ziemlich genau eingehalten wurden. Sehr gut angenommen wurden auch die Autogrammstunden fast aller Bands. Hier zeigte sich, dass auch größere Acts noch wissen, wo ihr Erfolg herkommt und den Fans ausnahmslos geduldig und freundlich begegneten.
 
Nun war ich aber äußerst gespannt auf den Auftritt von WITHIN TEMPTATION, die ja bereits letztes Jahr in Glauchau zu begeistern wussten. Ich hatte sie vor einiger Zeit als Vorband für PARADISE LOST gesehen und war nicht so sehr überzeugt von der Live-Qualität der Niederländer. Die folgenden 60 Minuten sollten mich aber eines Besseren belehren! Die Bühne war inzwischen umgebaut und wurde geprägt von zwei riesigen Engelsstatuen im Hintergrund. Nachdem ihre Mitstreiter bereits die ersten Klänge ertönen ließen, erschien Sharon elfengleich in einem hellen Kleid und hatte die Menge mit ihrer sympathischen und freundlichen Art sofort auf ihrer Seite. Stimmlich hatte sie in den letzten Jahren auf jeden Fall zugelegt und beherrscht ihre Gesangparts perfekt. Die Bombast-Metaller und Chartstürmer des letzen Jahres reihten mit Titeln wie „Angels“ oder „Running up that hill“ fast Hit an Hit.
 
Was soll man noch zu FIXMER/MCCARTHY sagen? Terence Fixmer ist in der Techno/ House Szene eine Größe und Douglas Mccarthy mit NITZER EBB gar eine Legende. Beide veröffentlichten mit "Between the Devil" ein richtig gutes Elektroalbum. Doug wie immer in schwarz gekleidet und mit obligatorischer 80er Jahre Sonnenbrille fetzte live gleich richtig los. Terence sorgte hinter seinem Pult für den richtigen Sound. Das Set bestand aus Stücken vom besagten Album und einigen NITZER EBB Klassikern. Auch einen neuen Song servierten die beiden den Fans. Dabei wurden die BPMs zurückgefahren und ruhigere Klänge angeschlagen. Recht ungewöhnlich für das Duo. So richtig abgefeiert wurden aber eher Dougs alte Songs. Leider war die Stimmung bei diesem Gig in der Halle nicht ganz so gut wie bei früheren Shows der beiden, die ich bereits gesehen habe.

 
Kurze Zeit später sollte es wieder auf der Center Stage mit ganz anderen Klängen und weniger mystisch weitergehen. Zeit für OOMPH! sich auf der Bühne auszutoben. Sechs riesige Strahler im Hintergrund beleuchteten die Szenerie vor einem sich langsam verdunkelnden Himmel – zum Glück keine Regenwolken, das Wetter hatte sich den ganzen Tag gehalten. Dero, Flux und Crap – alle wie bei ihren letzen Konzerten auch in weißer Montur - ließen ihren metallischen Sound erklingen und versuchten, die immer größer werdende Menge anzuheizen. Das war allerdings gar nicht so einfach, da die meisten der Anwesenden wohl tatsächlich den Weg für MARILYN MANSON auf sich genommen hatten und nun einfach abwarteten, bis OOMPH! ihr Set beenden würden. Nichtsdestotrotz mühten diese sich redlich, forderten zum Mitsingen auf, und Dero versuchte mit seiner wild-verrückten Art, auch ein paar Nasen zum Mitklatschen zu bewegen. Zum Glück gab es – wie bei allen Bands – auch hier wieder eine kleine Fangemeinde, die noch richtig mitging, allerdings hatte Dero doch einige Probleme, sein üblches Stagediving durchzuziehen. OOMPH nutzten ihre 60 Minuten gut, um einige alte und neuere Songs wie „Gekreuzigt“, „Fieber“ und „Das weiße Licht“ zu präsentieren. Abgerundet wurde die Darbietung von dem Überhit „Augen auf“, bei dem wir dann doch noch reichlich Hände in der Luft sichten konnten.
 
Auf der großen Bühne begann nun der Umbau für von DEN Mann des Abends, und in der Messehalle auf der Indoor-Stage hatte „Der Graf“ die undankbare Aufgabe, einem Teil der Wartenden die Zeit zu verkürzen und zu versüßen. Entgegen unserer Befürchtung, es seien nur noch einige wenige bereit, den Klängen von UNHEILIG zu lauschen (zumal die kleine Halle auch eher electro-lastig war) hatte sich eine ansehnliche Anzahl UNHEILIGer Jünger dort versammelt und feierte das Erscheinen des Grafen und seiner Mannen Henning und Licky. Es mögen sicherlich 300 - 400 Leute gewesen sein, die sich diesem sehenswerten Künstler für die nächsten 45 Minuten verschrieben hatten. Sichtlich erfreut über das rege Erscheinen bot der Graf wieder eine gefühlvolle aber auch energiegeladene Show. Titel wie „Maschine“, „Schutzengel“, „Komm zu mir“ oder „Freiheit“ wurden mit viel Applaus quittiert. Ein schönes Erlebnis für UNHEILIG und die Zuhörer.

 
Endlich sollte der Teil des Festivals beginnen, auf den sicherlich schon über die Hälfte der Anwesenden sehnsüchtig wartete. Der Platz vor der Hauptbühne war mit 5.000 bis 7.000 Leuten gut gefüllt, alle Augen starrten gebannt auf den schwarzen Vorhang, der bis zu diesem Zeitpunkt die Bühne verhüllte. Um 21:30 Uhr fiel dieser Vorhang und mit einem langen Intro wurden wir auf das nun folgende Spektakel vorbereitet. MARILYN MANSON erschien mit einem Leuchter in der Hand und begann mit seiner bizarren und fulminanten Show. Nun waren die Zuhörer doch aufgewacht und empfingen den Alptraum aller Schwiegermütter mit tosendem Jubel. Er begann das Set mit „The Love Song“, „Disposable Teens“ und „Mobscene“, um dann zu „Tourniquete“ mit Stelzen an Beinen und Armen sich wie ein Insekt zu winden – ein viel versprechender Auftakt. Eindeutiger Mittelpunkt war natürlich Herr Manson himself, seine Band unterstützte ihn mit gutem, lautem und brachialem Sound. Im Hintergrund lief bei einigen Songs ein Lichtband mit, das die gesungenen Worte noch einmal in geschriebener Form rüberbrachte. Insgesamt viel Licht, aber nicht genug, wie unser Fotograf und andere Graben-Fotografen bestätigten. Durch die irritierende Lightshow und die schnellen Bewegungen MANSONs hatten die meisten doch arge Probleme. Außerdem machte der Antichrist seinem Ruf alle Ehre und spuckte und rotzte auf die Bühne und auch in den Graben. Leider agierte er wenig mit dem Publikum, bis auf seine „Deutschländ, Deutschländ“-Rufe, die wir ja bereits aus Dortmund kannten und damals schon vermuteten, er hätte keine Lust, sich die Orte zu merken.
 
Weiter ging es mit „Personal Jesus“, „Great Big White World“ und „Tainted Love“, zu dem Marilyn sich äußerst lasziv bewegte und der Menge seinen Hinterteil darbot. Beim „Fight Song“ regnete es Konfetti und zu „The Nobodies“ zeigte sich Manson im schicken Zebra-Jackett – so verschwand er ab und an hinter den Drums, um sich öfter mal eine andere Jacke überzuwerfen. Es folgten „Dope Show“, „Rock is dead“ und „Sweet Dreams“. Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen, und MANSON stand im Spotlight – gespenstisch! Dann wurde es auch wieder schneller, die ersten Klänge von „The beautiful people“ ertönten, die Masse vor der Bühne bewegte sich kollektiv im Rhythmus oder pogte im Moshpit. Dann: Ende! Unglaublich. Alle starrten wir paralysiert auf die Bühne, aber Manson und Band waren verschwunden und gaben nicht mal mehr die Möglichkeit, noch eine Zugabe einzufordern. Denn sofort nach dem letzten Song ging das Licht an, und Musik vom Band ertönte. So spielte MARILYN MANSON von den angekündigten 85 Minuten nur ca. 60 Minuten. Aber auch diese Eskapaden hatte man ja schon von fast allen Konzerten vernommen. Schade, leider ein fader Beigeschmack dieses sonst so gelungenen Festivals.
 
Text: Sandra Waschkowitz -----
Text: Jörg Rambow
----- Bilder: Sandro Griesbach
 
 

FIXMER/MCCARTHY

GOETHES ERBEN
LETZTE INSTANZ
MARILYN MANSON I
 

MARILYN MANSON II

OOMPH!
PTYL
PTYL
 

STAUBKIND

UNHEILIG
WITHIN TEMPTATION
WITHIN TEMPTATION