Interview mit Peter Spilles von Project Pitchfork, geführt in Hamburg 2009 .[ face2face ]
 

Mit ihrer neuen (und bereits ausverkauften) Single "Feel!" und dem am 27ten Februar erscheinendem Album "Dream, Tiresias!" bescheren uns Project Pitchfork ein wirklich geniales Comeback! Die Elektrogötter begeistern tausende von Fans und das seit mehr als ein Jahrzehnt. Somit können wir uns auf eine lang ersehnte Veröffentlichung freuen! Aufgrund dessen machten wir uns auf direkten Weg nach Hamburg, um mit Peter Spilles und Dirk Scheuber in Form eines gemütlichen Abends in einem coolen Foyer eines Hamburger Hotels ein Interview zu führen. Und so ist es uns gelungen, so manche Antworten aus der ersten deutsch deutschen Elektroband heraus zu locken.

 

Lucy: Hallo Peter, vielen Dank, dass wir heute hier bei Dir sein dürfen, um Dich ein wenig mit unseren Fragen zu löchern. Bist Du gut ins neue Jahr gekommen?
Peter Spilles: Ja. Wenn man die Arbeit bedenkt, die eine Album-Produktion inklusive Coverartwork mit sich bringt, habe ich es sehr ruhig angehen lassen.

 

Lucy: Dann lasst uns doch einfach mal beginnen: Die Entstehungsgeschichte von Project Pitchfork hat mich sehr beeindruckt. 1989 habt Ihr auf einem Girls Under Glass-Konzert entschieden, dass Ihr die Band gründet. Was genau ist da passiert?
PS: Dirk hat mich damals einfach gefragt, ob wir mal etwas zusammen machen wollen, da ich schon einen kleinen musikalischen "Ruf" in Hamburg hatte. Die eigentliche "Geburtsstunde" von Project Pitchfork ist allerdings das Jahr 1991, denn zu der Zeit veröffentlichten wir unser erstes Album "Dhyani".

 

Lucy: Ward Ihr damals schon befreundet oder war es Liebe auf den ersten Blick??
PS: Damals war die Szene so klein, dass man sich zwangsläufig kennen gelernt hat. Es war viel familiärer und jeder kannte jeden. Gesehen hatten wir uns demnach schon oft auf diversen Parties.

 

Lucy: Einen Bandname habt Ihr schließlich auch gebraucht ...
PS:
Wir haben dem so genannten "Zufall" eine Chance gegeben und dieser bescherte uns das Wort "Pitchfork". Wir waren von der Bedeutung (auch der alt englischen, "Stimmgabel") angetan und entschlossen uns noch ein "Project" davor zu setzen. Fertig.

 

Lucy: Wie sah Euer Leben vor PP aus? Wolltet Ihr schon immer Musik machen oder hattet Ihr einst einmal andere Berufswünsche?
PS: In dem Moment, in dem ich meinen ersten Synthesizer erwarb, war für mich klar, dass ich nichts anderes machen möchte. Da war ich 14 Jahre alt.

 

Lucy: Euer erstes Album „Dhyani“ habt Ihr in nur drei Tagen aufgenommen. Wahnsinn. Schlummerten in Euch so viele Ideen, die Ihr so schnell umsetzen konntet oder was war der Grund dafür?
PS: Man muss wissen, dass wir damals keine Computer besaßen. Wir haben unsere Songs auf Tape aufgenommen und die Melodien und Rhythmen im Kopf speichern müssen. Im Studio mussten wir alle Songs auf 16 Spur Band reproduzieren und das ging aufgrund der "Kopfspeicherungen" relativ schnell.

 

Lucy: 1998 gelang Euch dann der Sprung ins Major-Lager. Was genau hat dazu beigetragen?
PS: Der Wille, Musikvideos von uns im Musik TV zu sehen. Wir hatten schon damals alles erreicht, was man als unabhängige Band erreichen kann. Aber die "Ansage" das Bands aus unserer Szene auf keinen Fall auf MTV/VIVA gesendet werden würden, hat uns gereizt diese Grenze einzureißen.

 

Lucy: Nach nunmehr über 18 Jahren im Musikgeschäft mit Project Pitchfork habt Ihr Euch vom Major-Label wieder zu einem Szenelabel begeben – ein Schritt zurück oder nach vorn für Euch?
PS: Das ist lediglich eine logische Reaktion auf die Zeit. Ein Major Label besitzt nicht die Flexibilität und Schnelligkeit um auf die CD Absatzkrise zu reagieren. Kurz vor Ablauf des Vertrages mit Warner wurde uns sogar angeboten, dort unseren "Lebensabend" als Band zu verbringen. Jedoch zeichneten sich zu jener Zeit, aufgrund des zusammenbrechenden CD-Marktes, bereits weit reichende Veränderungen in der Personalstruktur und dem Bandpool ab. Das war der Grund weshalb wir eine weitere Zusammenarbeit abgelehnt haben. Kurz nach unserem Abschied gab es dort etliche Entlassungen und zahllose Bands wurden vor die Türen gesetzt. Rückblickend haben wir uns durch unsere Entscheidung viel Ärger erspart.

 

Lucy: Wann genau kam eigentlich Jürgen Jansen dazu und was änderte sich dadurch musikalisch betrachtet?
PS: Jürgen war zuerst unser FoH Mischer und hat sich sozusagen hochgearbeitet. Richtig aktiv habe ich ihn ab der "Chakra:Red" Produktion eingebunden.

 

Lucy: Welche musikalischen Vorbilder hattet / habt Ihr und inwieweit prägten diese „Project Pitchfork“?
PS: Wir haben immer versucht unser eigenes Ding durchzuziehen. Geprägt haben uns sicherlich Bands der späten Achtziger und frühen neunziger. Wenn man bedenkt, dass auch Unbewusstes in das Selbst einfließt haben wir bestimmt auch Strömungen der Siebziger aufgenommen.

 

Lucy: Nach dem Album „EON:EON“ warfen Euch die Fans kommerziellen Ausverkauf vor. Wie seid Ihr damit umgegangen? Und wie habt Ihr darauf reagiert?
PS: Wir haben gar nicht reagiert. Wie soll man gegen Neid reagieren? Wir haben einfach weiter die Musik geschrieben, die auch wir gekauft hätten. Den selben Vorwurf gab es auch bei der "Daimonion" und sogar schon bei unserem ersten Album "Dhyani"... Es kommt den Verbreitern dieses Vorwurfes gar nicht darauf an was man macht, sondern das man etwas macht.

 

Lucy: Was meint Ihr, wie sind die Fans darauf gekommen?
PS: Dieser Vorwurf entstammt nicht dem Lager unserer Fans. In irgendeinem Szenemagazin wurde dieser Vorwurf in eine CD-Kritik eingeflochten und dann in Bildzeitungs-Manier weiterverbreitet. Keine unserer Aktionen zu der damaligen und heutigen Zeit passt in das Schema "Ausverkauf".

 

Lucy: Gab es vielleicht auch einen ganz bestimmten Moment, an welchen Ihr Euch immer wieder gern erinnert?
PS: Das sind zu viele um sie aufzuzählen. Jeder Moment mit unseren Fans ist ein Moment an den wir uns gern zurück erinnern.

 

Lucy: Kommen wir doch einmal auf Euer neues Album zu sprechen... Tiresias entstammt der griechischen Mythologie und ist ein blinder Seher. Er lebte zum Teil als Mann und zum Teil als Frau, um Zeus die Frage zu beantworten, welches Geschlecht mehr Lust empfände. Kommt diese Sage dem Leitthema auf Eurem Ende Februar erscheinenden Album näher?
PS: In der griechischen Mythologie ist Teiresias (auf englisch: "Tiresias") der blinde Seher der Götter. Der Legende zufolge, soll Teiresias sowohl als Mann als auch als Frau gelebt haben. Allein diese zwei wichtigen Faktoren, machen ihn zur perfekten Metapher für all diejenigen Rebellen und Rebellinnen in unsere Gesellschaft, die sich nicht nur auf eine oberflächliche Sicht der Welt verlassen, sondern die Wahrheit in der Tiefe suchen und erkennen. In diesem Sinne sollte jeder von uns ein "Teiresias" in sich tragen; und wir sollten "träumen"! Es gibt viele Versionen, die erklären wieso Teiresias erblindet ist. Eine davon erläutert, dass er den Menschen die Geheimnisse der Götter verraten hatte, und dass er dafür mit Blindheit gestraft wurde... hier verbirgt sich zweifellos eine weitere Parallele zu unserer Gesellschaft, in der die Mächtigen, und die, die Kriege führen, auf keinen Fall wollen, dass die Menschheit hinter die wahren, grausamen Motivationen in ihren Plänen informiert wird. Jeder, der versucht die Wahrheit ans Licht kommen zu lassen, riskiert sehr viel. Manchmal sogar das eigene Leben.

 

Lucy: Wie seid Ihr auf die Figur des Teiresias gestoßen, der ja zugegebenermaßen zwar Schlüsselpositionen in so großen Sagen wie Ödipus, Antigone oder auch bei Odysseus spielt, aber trotzdem nicht so – salopp gesagt – der „Superheld“ ist?
PS: Man muss in dieser Welt auch kein "Superheld" sein um etwas zu verändern. Der Titel des Albums hat sich aufgrund der Bedeutung und der Textinhalte sozusagen aufgezwungen.

 

Lucy: Die griechische Mythologie hat es Euch ja schon immer angetan. Welche Gestalt ist da Euer persönlicher Liebling?
PS: Ich bin fasziniert von der menschlichen Historie in all ihren Facetten. Die griechische Mythologie ist lediglich ein kleiner aber wichtiger Baustein in der Geschichte der Menschheit.

 

Lucy: „Dream,Tiresias!“ ist ja ein sehr spannender Albumtitel, der sehr viel Raum für Spekulationen lässt. Seht Ihr das Album quasi als Offenbarungen von Prophezeiung dieses blinden Sehers an die Welt?
PS: Rückblickend haben die Texte von Project Pitchfork einen Tiefgang der an Prophezeiungen heranreicht. Das wird uns jedenfalls nachgesagt. Aber wir würden so etwas natürlich niemals selbst behaupten.

 

Lucy: Mit „Dream,Tiresias“ fühlt man fast eine nahtlose Anknüpfung an „Alpha:Omega“. Ist für Euch diese Entwicklung absichtlich passiert, oder wusstet Ihr noch nicht, wo Euch am Anfang der Produktion die Reise hinführen würde?
PS: Das ist immer ein sehr individuelles Empfinden und variiert deswegen in der Einzelmeinung. Am Anfang einer Albumproduktion weiß ich grundsätzlich nicht wo die Reise enden wird. Es ist einfach wichtig, den Kopf frei zu haben und auf die Gefühle zu achten die in die neue Musik einfließen. Dann lasse ich mich treiben.... "panta rei".

 

Lucy: „Your god“ ist meiner Meinung nach eine sehr provokante Auseinandersetzung mit dem Religionskonflikt unserer Zeit – mich interessiert dabei, wie Ihr Religion für Euch begreift?
PS: Das spiegelt sich unter anderem im Text von "Your God" wieder. Generell haben wir eine äußerst kritische Betrachtungsweise gegenüber Religion als Institution. In ihrem Namen ist einfach mal zu viel Grausames in unserer Geschichte geschehen.

 

Lucy: „If I could“ ist ein sehr destruktiver und wütender Song im Inhalt, da fragt man sich natürlich, welcher verkommenen Seele Ihr die Alpträume wünschst. Hat das einen realen Bezug oder ist es Fiktion?
PS: Lass es mich so ausdrücken: Die Emotionen sind real. Die Projektionsfläche ist frei wählbar.

 

Lucy: „Nasty habit“ – was denkt der Seher über die heutige Medizin?
PS: Was der Seher denkt ist oft etwas anderes als was er sieht. In "Nasty Habit" dreht es sich um die "Behandlung" zivilisatorischer Probleme durch den Verkauf pharmazeutisch hergestellter Drogen. Die Pille gegen das "nervende Kind" ist in diesem Song neben der Pille gegen "die Sorgen" das Hauptthema.

 

Lucy: Was macht für Euch „Gefühl“ aus – zentraler Punkt bei „FEEL!“ ist ja die Schmerz-Erfahrung als Gefühl. Wem möchtet Ihr dieses zuteil werden lassen oder an wen ist der Refrain gerichtet?
PS: Ein weiterer Grund weshalb die Texte von Project Pitchfork lange aktuell bleiben ist, dass sie gegen keinen Gegner in Person gerichtet sind, sondern wie auch Märchen, Gefühle und Bilder auf eine metaphorische Ebene transportieren. Der Song richtet sich gegen die Tendenz unmittelbares Leid anderer zu sehen und trotzdem nicht zu handeln. Das wäre eine Konkretisierung der textlichen Handlungsebene bei dem Song "Feel!".

 
Lucy: Was wären Eure größten Alpträume auf die Band bezogen?
PS: Dass es sie (die Band) aus falschen Entscheidungen heraus nie gegeben hätte.
 

Lucy: Warum wird es zu diesem Album nun wieder eine Vorab-Single geben?
PS: Die Zeit war reif dafür!!! Wir lieben riskante Entscheidungen und wollten das neue Album mit einem Paukenschlag in die Welt treiben.

 

Lucy: Auf FEEL! Gibt es einen Album-Hit zu hören und acht Remixe u. a. von [:SITD:] Noisuf-X, Die Krupps oder auch The Retrosic? Wie seid Ihr zu dieser Bandauswahl gekommen?
PS: Die Künstler die einen Remix beigesteuert haben sind "handverlesen" und mit Bedacht ausgewählt worden. Ich habe für Jürgen Engler einen Remix von "Das Ende Der Träume" machen dürfen und er hat sich mit seinem Mix grandios revanchiert. Die Tanzflächen-Meister, namentlich Tom von SITD, Jan von NOISUF-X und Mr. Petersen von Combichrist haben den Song sorgfältig auseinander genommen, tiefer gelegt und neu lackierte Club Hits abgeliefert. Axxl E. ist eine Bank was den Sound und die Qualität der Remixe angeht und hat sich nicht zuletzt durch seine Solo-Projekte einen Namen gemacht. Die Jungs von Retrosic bereichern die Maxi durch eine knallharte und gefährliche Fusion unserer Gesangsstimmen. Das Wort "Duett" wäre hierfür zu harmlos. Und dann zaubert Jürgen Jansen eine klassische und filmreife Komposition hervor, die einen hervorragenden Abschluss der insgesamt 51 Minuten darstellt. Alle Ergebnisse bestechen durch ihre Vielseitigkeit und ihren Abwechslungsreichtum.

 

Lucy: Warum habt Ihr FEEL! Für die Singleauskopplung gewählt?
PS: Der Song vereint die Stärken des Albums und bleibt sofort hängen. Außerdem beschreibt er den Weg des Albums, indem er für den neuen Sound von Project Pitchfork eine Richtung aufzeigt.

 

Lucy: Kommen wir einmal zu Euren Live-Auftritten. Ihr habt ja nun an einigen Flecken der Welt gezeigt, was Ihr könnt. Wie unterschiedlich sind die Reaktionen der Fans von Land zu Land? Welche Fangemeinschaft war bisher die Beherzigtse?
PS: Am schönsten sind die Gemeinsamkeiten in der weltweiten Szene. Natürlich gibt es auch kleinere Unterschiede, aber das Grundgefühl des zu Hause seins ist in Europa, Nord- und Südamerika, oder anders wo das Verbindende. Die Menschen die diese Szene am Leben halten sind einfach faszinierende Individuen und das auf dem gesamten Planeten.

 

Lucy: Vor Euch liegt nun wieder eine größere Tour quer durch Deutschland und auch ein paar Städte Europas dürfen sich auf Euch freuen. Auf welche Stadt freut Ihr Euch schon am meisten?
PS: Das können wir gar nicht an einer Stadt fest machen. Für uns zählt der Augenblick in dem wir mit unserem Publikum eine Einheit bilden. Somit freuen wir uns auf jeden einzelnen Abend.

 

Lucy: Seid Ihr aufgeregt oder ist das für Euch schon Routine?
PS: Wir sind aufgeregt! Etwas so intensives wie ein Project Pitchfork Konzert als Routine zu empfinden wäre für uns gar nicht möglich. Die Energie die so ein Event erzeugt kann nicht zur Routine verkommen, denn dafür sind wir viel zu sehr Mensch geblieben.

 

Lucy: Wie sehen die Pläne für „Dream, Tiresias!“ aus? Dürfen sich die Fans, mich eingeschlossen, auf z. B. eine Ltd. Edition freuen?
PS: Du darfst dich freuen. Für Deutschland wird es eine "Special Edition" des Albums geben. Ihr wird eine zusätzliche Mini-CD mit drei exklusiven Songs beigefügt.

 

Lucy: Das Medium Video begleitete PP von Anfang an. Wird es dieses Mal auch wieder ein Video geben?
PS: Wenn du die technische Möglichkeit hast, ein Video herzustellen und dir lediglich der Project Pitchfork Song dafür fehlt, dann melde dich bei uns. Wir stellen dir gerne unsere Musik für ein Musik-Video mit Band, oder für ein animiertes Meisterwerk zur Verfügung.

 

Lucy: Drehen wir den Spieß doch einmal herum, was interessiert Euch über eure Fans? Was würdet Ihr Ihnen manchmal gerne für Fragen stellen?
PS: Worauf wartest du?

 

Lucy: Was seht Ihr für Eure Zukunft voraus? Was sind Eure Pläne?
PS: Als nächstes werde ich mich mit Jinxy an ein neues Santa Hates You Album wagen. Danach beschäftige ich mich mit dem dritten IMATEM Release.

 

Lucy: Peter, ich bedanke mich herzlich für das überaus nette und interessante Interview und überlasse Dir einfach mal die letzten Worte. Denn vielleicht habe ich ja etwas gaaaanz Wichtiges vergessen zu fragen oder Dir brennt noch etwas tief im Inneren, was Du schon immer einmal loswerden wolltest....
PS: Wir danken euch für die vielen schönen Jahre und wir versprechen euch, die Musiklandschaft noch lange mit Musik von uns zu bereichern! Stay dark!

 
Interview geführt von Lucy / PromoFabrik .[ face2face ]
Homepage Künstler www.pitchfork.de