Out of Line Festival...[ Batschkapp, Frankfurt 06.11.2008 ]
 

Anfang November war es mal wieder soweit, die Frankfurter Batschkapp öffenete ihre Tore für das diesjährige Labelfestival von Out of Line. Ganze fünf Bands der Elektroszene hatten sich angekündigt, das Frankfurter Publikum ordentlich zum Feiern zu bewegen. Bereits drei Städte vorher hatten die Ehre, dieses jährliche Festival des erfolgreichen Szenelabels genießen zu dürfen und zwei weitere sollten nach Frankfurt noch folgen. Fast eine ganze Woche elektronische Musik pur und kein Zeichen der Ermüdung bei den Bands…

 

Zwar war der Beginn erst mit 20.00Uhr deklariert, doch bereits eine halbe Stunde früher als erwartet startete das kleine Labelfestival und den Anfang machte das noch relativ unbekannte schwedische Dreiergespann von AUTO AUTO [ Galerie ]. Mit ihrer Mischung aus Minimal Electro, Wave Elementen und technoiden Melodien, die an alte Spielekonsolen erinnerten, verbreiteten die drei mit schicken schwarzen Anzügen und Krawatte bekleideten Skandinavier eine recht gute Stimmung im noch mager gefüllten Saal der frankfurter Batschkapp. Die fröhlichen und abwechslungsreichen Melodien drangen direkt ins Ohr und die Stimmung auf der Bühne steckte das noch etwas träge Publikum schnell an und übertrug sich in den Zuschauerraum. Unterstrichen wurde die stimmungsgeladenen Show von wunderbar trashigen und überaus witzigen Videostreams, die zwecks Beamer an die Wand projiziert wurden. Bei „Zombies on MTV“ erreichte die Stimmung ihren absoluten Höhepunkt. Die sympathischen Schweden hatten mit dieser Show wohl einige neue Herzen erobert und ihr Debütalbum „Celeste“, das im Oktober erschien, wird nach dieser kleinen Tour wohl in der Nachfrage steigen. Ihren Songs „Shadowlands“, den einige schon schüchtern mitsingen konnten, kannte sicher der Eine oder Andere schon vom „Awake the machines“-Sampler und fragte sich, was diese Band noch in der Hinterhand hat. Die Show endete leider schon viel zu schnell nach gerade einmal 30Minuten, doch mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck verabschiedeten sich die Jungs dann von der Bühne. Selbst beim Umbau auf der Bühne waren sich die Herren nicht zu fein und packten das eine oder andere Mal beherzt für ihre Musikerkollegen mit an. Sehr sympathisch!

 

Nach einer kleinen Verschnaufpause ging es weiter mit härteren Klängen der Electroszene, den drei Mexikanern von AMDUSCIA [ Galerie ], die gerade ein neues Album namens „Madness in Abyss“ auf den Markt geworfen haben und dieses nun zu promoten wussten. Zunächst befanden sich nur Edgar und Raul auf der Bühne, bis schließlich nach wenigen Beats auch Powerpaket Polo mit seiner futuristischen Cyborg-Objektivaugenklappe, auf dessen Mitte ein gleißend blaues Licht prangte, die Stage im Sturm eroberte. Auch wenn Raul und vor allem Edgar, mit seinen beeindruckend hohen Schuhen, etwas teilnahmslos wirkten, so wahrten sie sicher nur bescheidene Zurückhaltung, um Polo nicht die Show zu stehlen. Das langsam etwas zahlreicher anwesende Publikum ließ sich prompt mitreißen und begann eifrig zu tanzen und zu feiern. Durch das mehr oder weniger vorhandene Licht wurde eine ziemlich düstere Stimmung erzeugt, die Polo mit seinem kleinen blauen Laserstrahl ausnutzte und seine Fans anleuchtete. Polo hatte wohl einen „Bad Hair Day“ und verbarg seinen bunten Irokesen beim heutigen Auftritt in der Batschkapp lieber mit einer stilvollen Mütze. Zu allem Überfluss versagte nach ein paar Songs kurzzeitig sein Mikro und man hörte keinen einzigen Ton mehr, bis das Problem schließlich relativ schnell behoben wurde und man unbeirrt weiter feierte. Mit „Perverse Party“, „Touch That“ oder altbekanntes wie „Melodies fort he devil“ wurden gebührend zelebriert. Die Beats, die eingängigen Melodien und die extrem verzerrten Vocals kamen beim Publikum gut an und so ernteten AMDUSCIA auch viel Applaus nach jedem Song, bis sie schließlich nach einem beeindruckenden Auftritt die Bühne verließen.

 

Es folgte die zweite schwedische Band des Abends: ASHBURY HEIGHTS [ Galerie ]. Anders und Yasemin hatten sich zur Liveunterstützung noch einen netten langhaarigen Mitmusiker ins Boot geholt, der mit Enthusiasmus und sichtlicher Begeisterung die Knöpfchen an seinem Keyboard voll im Griff hatte. Zunächst betrat Anders die Bühne und erntete Applaus von allen Seiten. Dieser wurde erst übertrumpft als Beautyqueen Yasemin bekleidet mit einer kurzen Jacke und Latexröhre hin zu stieß. Mittlerweile hatte sich die Batschkapp auch etwas mit Leben gefüllt und die Fans trällerten fröhlich die Songs dieser Synthiepopband mit und auch das eine oder andere Tanzbein wurde mit voller Eifer geschwungen. Yasemin heizte bereits wie im letzten Jahr an selbiger Stelle dem Publikum ordentlich ein und die männlichen Zuschauer kamen dadurch auch ordentlich ins Schwitzen, als sie sich auch noch ihrer kurzen Jacke entledigte und darunter nur ein Verband, der eben so das Nötigste bedeckte, zum Vorschein kam. Immer wieder nahm sie einen Schluck aus der Wasserflasche und ließ ihn lasziv wieder die Kehle hinunterlaufen oder bespritzte ihren Körper damit. Songs wie „Spiders“, „Morningstar In A Black Car“ oder „Derrick is a strange Machine“ gingen ins Ohr und ließen die Zuschaueraugen vor Begeisterung strahlen. Man merkte deutlich den Einfluss von bekannten Wave-Bands der 80er, was dem Publikum zu gefallen schien, denn vor der Bühne wurde gut gefeiert. Nicht zuletzt, weil Yasemin mit frechen Sprüchen und „Frankfurt, Frankfurt“ Rufen dazu animierte. Doch auch die ASHBURY HEIGHTS mussten nach nicht einmal einer Stunde Show die Bühne aufgrund des engen Zeitplanes dieses kleinen Festivals wieder verlassen.

 

Nun folgte das Highlight für einen Großteil der fast 500 Besucher des diesjährigen Out of Line Festivals 2008, die Berliner Electroformation AGONOIZE [ Galerie ]. Gutgelaunt und kunstvoll geschminkt wie gewohnt betraten Oli und Mike an den Keys, sowie Chris die Bühne und gaben direkt von beginn an Vollgas. Die nun stark angewachsene Zuschauermenge feierte ihre Musiker lautstark und konnte dabei natürlich auch nicht stillhalten. Bei dieser Stimmung muss man einfach mittanzen und mitschreien! AGONOIZE ließen keinen Wunsch offen und spielten Klassiker wie „Femme Fatale“ aber natürlich auch Songs von der brandneuen EP „For the sick and disturbed“. Chris schwang dabei ein großes bedrohliches Messer und die ersten Blutstropfen rannen über sein Gesicht und erfreuten die Zuschauer. Dies sollte aber erst der Anfang sein, denn Agonoize hatten sich wieder einmal vorgenommen, ihre Drohung „There is blood on the floor“ in die Tat umzusetzen und so spritzte es nicht nur aus den Pulsadern, sondern auch aus einem tiefen Bauchschnitt schwallartig ins Publikum. Das warme, nach Erdbeer riechende Blut verteilte sich auf den verschwitzen Körpern und auf den Metallplatten am Boden, der sich blitzartig in eine blutverschmierte Rutschbahn verwandelte, was jedoch niemanden vom Tanzen abhalten konnte. Wer AGONOIZE kannte und die Warnhinweise, die wieder einmal netterweise für alle ersichtlich in der Batschkapp aushangen, gelesen hatte, wusste, dass ihn nicht nur Blut, sondern auch Sperma zu erwarten hatte. Die ersten Töne von „Koprolalie“ wurden vom Publikum schon orgastisch gefeiert und die ersten gingen in Deckung, als Chris seinen Reißverschluss öffnete um sich anschließend über dem Publikum zu ergießen.

 

Doch leider funktionierte der Mechanismus diesmal nicht und so musste etwas mehr gearbeitet werden um an den Liebessaft zu gelangen, den sich Chris anschließend genüsslich von den Händen leckte um anschließend ein paar Tropfen davon ins Publikum zu schleudern. Ein Tag voller kleiner Pannen, die jedoch niemanden wirklich aus der Ruhe bringen konnten. Ein Song von der neuen EP wurde besonders gefeiert, vor allem von denen, die AGONOIZE in diesem Jahr einmal live in Gießen erleben wollten aber seitens des Kultur Dezernenten der Stadt und von dessen Zensur wieder einmal enttäuscht wurden. So zog sich Chris also ein „Staatsfeind“ T-Shirt über und prangerte gemeinsam mit seinem Publikum lautstark die unverschämte deutsche Bürokratie an. Leider endete der Auftritt von AGONOIZE diesmal ohne Zugabe, welche jedoch lautstark vom Frankfurter Publikum eingefordert wurde. Aber, er übertraf an diesem Abend wirklich alle Erwartungen und hätte ruhig noch stundenlang weitergehen können, doch zum Abschluss des Abends durfte noch eine weitere Band die ehrwürdigen Bretter der Batschkapp zu ihrem Revier machen.

 

Die Umbaupause dauerte diesmal etwas länger, da man damit begann, riesige Bauzäune vor der Bühne zu platzieren und die in Blut getränkten Teppiche aufzurollen. Jeder, der die französische Formation DIE FORM [ Galerie ] noch nie zuvor live erlebt hatte, fragte sich natürlich, was da auf ihn zukommen mochte. Als dann endlich alles fertig aufgebaut war verdunkelte sich die Kapp und es ging auch schon los, Philippe mit einer art Gasmaske über seinem Gesicht, an der Schläuche und Kabel befestigt waren begab sich hinter sein Mischpult und es wurden Videos von Sado-masochistischen Treibereien, welche Philippe alles selber produziert hat, an die Wand im Hintergrund projiziert. Die Bühne wurde erfüllt durch eine Tänzerin, die ausdrucksstark ihr Können unter Beweis stellte und zu dieser experimentell-düsteren elektronischen Musik wunderbare Formen mit ihrem Gewand erzeugte. Wenig später betrat auch Eliane, in ein enges Lackoutfit gezwängt die Stage und stellte sich an die andere Seite vor ihr Mikro. Ohne auch nur eine Miene zu verziehen, begann sie mit ihrer beeindruckenden Stimme, die düstere Stimmung der Songs aus alten, Szene Prägenden Jahren, aufrecht zu erhalten. Die Tänzerin kam bei jedem Song in einem anderen Outfit auf die Bühne. Sei es in einem Ballerinakostüm, mit Stützcorsage und Halskrause, von der sie sich eindrucksvoll zu befreien begann und schließlich fast nackt tanzte, oder sie war direkt nur mit Tarnschminke und zwei Ästen bekleidet und zog die erstaunten Blicke auf sich. Eine Gradwanderung zwischen Perversion und Kunst bot sich dem geneigten Zuschauer dar und man wurde, ob man es wollte oder nicht, in den Bann der Performance gezogen.

 

Nun wurde auch klar, warum die Bauzäune aufgestellt wurden, zum Einen weil sich die leicht bis gar nicht bekleidete Dame immer wieder daran zu winden begann oder gar daran rüttelte, zum Anderen sollte sie wohl zum Schutz vor dem sehr erotisierten männlichen Publikum dienen, die lächzend und gierig nach dem nacktem Fleisch nur noch auf ihre Urinstinkte reduziert wurden. Die begleitenden Projektionen zeigten immer unheimlichere Szenen, beispielweise eine gefesselte nackte Frau, die sich über den Waldboden windet oder mit Bondageseilen gefesselt in einem kargen Raum um Entrinnen ringt. Das Licht trug das Übrige zur Stimmung bei, denn bis auf wenige Scheinwerfer, die aber besonders die Tänzerin betonten und Dauerstrobo, war es ziemlich finster auf der Bühne. Man konnte sich der beeindruckenden Performance dennoch nicht entziehen, weil man Gefahr lief, eine neue visuell umgesetzte exzentrische und perverse Phantasie zu verpassen. DIE FORM ist das Vorzeigeexemplar eines Live-Acts, denn sie bieten ein Rundumpaket, dessen Elemente im Einzelnen jeweils ein anderes dazugehöriges fehlen würde.

 

Bereits seit 30Jahren fasziniert DIE FORM so das Szenepublikum und hat sich durch seine Besonderheit etabliert und viele Fans gewonnen. Auch wenn es während der Peformance zu einer deutlich spürbaren Fluktuation kam, so harrten doch einige bis zum Schluss aus und applaudierten laut. Vielleicht fehlt mir zur Faszination noch das Gespür für Kunst, aber die benutzten Taschentücher am Bühnenrand hinterließen ihren Eindruck auf mich und bestätigten mich in der Meinung, dass es zwar eine außergewöhnliche Erfahrung war, sich dieses Schauspiel anzusehen, ich es jedoch nicht unbedingt wiederholen muss, auch wenn wohl eine Menge Kreativität und Phantasie hinter der Konzeption der Show steckten. So endete auch das Out of Line Festival in diesem Jahr zu später Stunde und setzt die Messlatte für das kommende Jahr gewohnt hoch an. Dann werden sich wieder die verschiedensten Künstler des bekannten Szenelabels in einer Hand voll deutscher Großstädte die Klinke in die Hand geben und eine Menge glücklicher und zufriedener Fans hinterlassen.

 
Text: .Maike Kowalle
Bilder: .Sandro Griesbach..[ 135 Bilder ]