M`era Luna Samstag den 13. August:  

hier... gehts zum Sonntag!

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Sommer 2005: Kein Festivalsommer, zumindest nicht für Gothics, EBM- oder Industrialanhänger. Schon das WGT war teilweise verregnet und recht frisch gewesen, das jedoch konnte das M’era Luna dieses Jahr noch toppen. Aber: Was ein echter Fan ist, lässt sich von ein bisschen schlechtem Wetter nicht schocken, und da das Luna-Line Up dieses Jahr wie immer hochkarätig war, reiste man unverdrossen an, um das Wochenende auf dem Hildesheimer Flugplatz zu verbringen. Hatte die Anreise am Freitag für die meisten die Hoffnung zerstört, ein Festival ohne Regen verbringen zu können, überraschte der Samstag zunächst doch. Kein Platzregen wie am Freitag, der immerhin kurz vorm Aufbau unserer Zelte pausiert hatte, um später wieder anzufangen, nur Wolken, aber immerhin trocken. Statt Eis lockte eher der Stand mit den heißen Getränken - und das im August... Nach der Öffnung des Festivalgeländes um 10 Uhr strömten auch schon die ersten schwarzen Massen auf die Stände zu, an denen man wie jedes Jahr Schuhe, zum Event passende Kleidung zwischen Samt, Lack und Leder, Tücher, CDs, Festival-T-Shirts und andere günstige (oder auch eher weniger günstige) Accessoires kaufen konnte. Auch die Stände, welche die Gothics, EBM Fans und andere Menschen ähnlicher Gesinnung mit Speis und Trank versorgen sollten, öffneten nach und nach.
 
Dieses Jahr hatte die italienische Band KLIMT 1918 die doch meist etwas undankbare Aufgabe, am ersten Tag als erste Band zu spielen, dazu noch im Hangar, also der Nebenbühne. Dementsprechend leer war der Schup- pen an diesem Morgen auch noch - denn der Tag auf so einem Festival ist ja auch noch lang genug, und es wurde oftmals kräftig auf dem Zeltplatz in den Samstag hineingefeiert. Insgesamt lieferten KLIMT1918 jedoch eine recht überzeugende musikalische Leistung, auch wenn die Akustik im Hangar von Anfang an etwas selt- sam klang und man überlegte, ob es mehr an der Band oder eher an der Technik lag. Diese Frage klärte sich jedoch im Verlauf des Tages recht schnell. Die im Stil der 70`er gekleideten Musiker lieferten eine 20 minütige Show, die leider das müde Mera Publikum nicht wirklich von den Socken reißen konnte, meines Erachtens musikalisch aber wirklich gut und für mich gleich die erste positive Überraschung des Tages.

 
QNTAL konnten erst mit leichter Verzögerung die Bühne betreten, da es offensichtlich beim Umbau und beim Soundcheck einige Probleme gab. Die Meister der Mischung aus lebendiger, elektronischer, träumerischer, klassischer und moderner Musik mit mystischem Touch wollten so richtig loslegen, wurden allerdings von größeren und kleineren Problemen daran gehindert. Michael Popp und Fil Groth machten ihrem Ärger schon beim schief gehenden Umbau und auch während des Konzerts deutlich Luft, mussten sie doch - ebenso wie Syrah – extrem häufig Zeichen zur Seite geben, dass die Verstärker anders geregelt werden müssen. Fil hatte sogar eine kurze, heftige Diskussion am Bühnenrand, während Michael bekannt gab, sie seien erst um 4 Uhr nachts nach einem anderen Auftritt angekommen, aber die Techniker müssen ja noch später ins Bett gegangen sein, so wie sie sich verhalten würden und entschuldigte sich beim Publikum. QNTAL war die Verärgerung deutlich anzumerken, trotzdem gaben sie dem Publikum im inzwischen gut gefüllten Hangar u.a. mit "Maiden in the mor", "Amor volat" und "Dulcis amor" alles zwischen Gitarrensound und ruhiger, verträumter Musik.
 
Eine tolle Show lieferten dann THE CRÜXSHADOWS ab, was allerdings in erster Linie an Frontmann Rogue und den beiden Tänzerinnen lag. Der Rest der Band wirkte dagegen viel zu steif und gerade bei der Geigerin wäre vielleicht mal ein wenig Bewegung oder vielleicht sogar nur ein kurzes Lächeln sehr angebracht gewesen. So aber konzentrierte sich alles auf den charismatischen Sänger, der dem Begriff „Publikumsnähe“ eine ganz neue Bedeutung gab. So bekann er das Konzert singend aus den Reihen der Zuschauer und kam auch zwischendurch immer mal wieder durch die Reihen der Fans oder balancierte auf der Absperrung. Auch die Bühne wurde zum ausgiebigen Klettern genutzt, während die beiden Tänzerinnen meist synchron über die Bühne wirbelten. Leider war die Musik nicht ganz so abwechslungsreich und so klangen einige Stücke ähnlich und der Auftritt wirkte zum Schluss sogar beinahe ein wenig langweilig.
 
Weiter ging es dann mit POTENTIA ANIMI, den unkeuschen Mönchen, die ich schon auf kleinerer Bühne im N8 in Osnabrück gesehen hatte. Das Konzert der Bruderschaft begann dann auch wie bei dem vorherigen Auftritt: Mit den POTENTIA ANIMI-typischen Masken, den Kutten, und dem Sprechgesang von "Del anima". Die Mönche hatten allerdings einen Musiker mehr dabei, der später als "Schnabausus Rex, der Aussätzige" vorgestellt wurde und die Geige spielte. Er hatte als einziger bei dem wohl bekanntesten Song von POTENTIA ANIMI ("Gaudete") keine Strophe, die er vortragen sollte - kein Wunder, denn er sei noch Jungfrau, so Bruder Nachtfraß. Er sei zwar alt und hässlich, aber jeder dürfe sich am Ende des Konzerts an ihm vergehen (ob sich jemand gefunden hat, ist uns allerdings unbekannt). Insgesamt wurden weniger Sprüche gerissen als in Osnabrück, was dem Auftritt auch gut tat, allerdings übertrieb es der Schlagzeuger mit dem kreischenden Gesang vor allem bei "Herrscher", wo er als Gegenstimme zu den dunklen Vocals eines anderen Bruders den Refrain sang. Da sage ich nur: Amen.
 
Die Umbaupausen dauerten immer länger, so dass der Auftritt von LEAVES’ EYES statt um 14.20 Uhr erst um 14.45 Uhr beginnen konnte. Dafür bekam das Publikum dann ein interessantes Doppelfeature zu sehen, denn wie man hätte vermuten können, gab es einige Besuche von ATROCITY-Sänger und Ehemann der Sängerin Liv Kristine Espenæs, Alexander Krull. Zunächst jedoch gaben LEAVES’ EYES ohne ihn den "Norwegian Lovesong" zum besten, erst bei "Ocean´s way" kam "der Mann mit den langen Haaren" (O-Ton der Sängerin) dazu und unterlegte den Gesang mit seiner eigenen, gewaltigen Stimme. Sicherlich passte dies sehr gut zum Lied, das so fast muscialartig-rasant wirkte, allerdings nahmen seine Vocals als Gegenstück zur hellen, klaren Stimme von Liv dieser doch einiges an Wirkung. Auch die eher heftigen, zur Musik von ATROCITY passenden Bewegungen von Alexander wirkten in diesem Kontext nicht ganz passend. Zwischendurch verschwand er dann mal wieder und kam zu weiteren Liedern zurück. Die Bemerkung seiner Frau, dass sie ihn um diese Haare ständig beneide, war sicherlich witzig gemeint, kam beim Publikum aber kaum an. Die Mischung der Songs schwankte zwischen sehr gut tanzbarer und ruhiger Musik - wie der Quasi-Bandhymne "Leaves Eyes", welche Liv ihrem daheimgebliebenen Sohn widmete. Auch LEAVES’ EYES hatten anfänglich einige Probleme mit dem Sound, welche allerdings relativ schnell behoben wurden.

 
Nach einer Quasi-Zugabe mit "Elegy" (Liv und die Musiker verschwanden kurz hinter der Bühne, kamen aber recht schnell wieder) verabschiedeten man sich, um dann nach einer recht kurzen Umbauphase (das Schlagzeug und die meisten anderen Instrumente konnten ja stehen bleiben) als ATROCITY wiederzukommen. Liv hatte sich umgezogen und unterstützte ATROCITY als Backgroundsängerin bei den ersten beiden Songs, u.a. "Enigma". Alexander Krull, Thorsten Bauer, Mathias Röderer und die anderen brachten den Hangar als erste Band an diesem trüben Morgen mit Songs wie "Seasons in black", "Cold black days" (wie Alexander anmerkte, sehr passend an diesem Wochenende!), einem Song vom aktuellen Album "Atlantis" und ihrem harten Cover von "The great commandment" so richtig zum Kochen. Bei "Geschöpfe der Nacht" war die Bühne passend in blutrotes Licht getaucht. Insgesamt ein sehr gelungener Auftritt der inzwischen fast 20 Jahre bestehenden Band, sicherlich auch, weil Alexander Krull versteht, das Publikum zu animieren und zum Mitklatschen und -toben zu bewegen.
 
Ein kompletter Stilwechsel folgte dann mit dem Auftritt von [:SITD:]. Welch große Fangemeinde sich die Ruhrgebietler mittlerweile erspielt haben, konnte man daran erkennen, dass der Hangar zum bersten gefüllt war. Durch die geringe Umbauzeit zwischen LEAVES’ EYES und ATROCITY konnten sie mit "nur" fünfminütiger Verspätung ihr Programm beginnen. Unter anderem mit "Brand of cain" vom Album "CODED MESSAGE: 12" wollten sie den Fans und anderen im Hangar anwesenden schwarz gekleideten Personen ein Feuerwerk an EBM bieten, allerdings zeigten sich hier die Probleme mit der Elektronik ganz besonders: Mehrmals fiel die Musik aus und Carsten Jacek war sichtlich entrüstet und genervt. Nach drei weiteren Songs bei "Lebensborn" das gleiche Problem: Kein Ton kam mehr aus den Boxen. Eigentlich hätte man auch Reise nach Jerusalem spielen können, das Publikum reagierte allerdings gelassen: Bei jedem Ausfall wurde "Beifall" geklatscht. Beim Dauerbrenner von [:SITD:], "Snuff machinery", gab es dann ausnahmsweise keine Probleme mit dem Mikrofon des Sängers, wie am Anfang, sondern an einem der Keyboards. Zum Abschluß enterte noch Ronan Harris die Bühne, die erste Message, die er dem Publikum mitteilte, lautete: Schalke 2, Dortmund 1, jetzt erklärte sich auch von selbst, warum Carsten einem Fan mit Schalke-Trikot am Anfang so freundlich zuwinkte, er scheint ein Schalke-Fan zu sein. Zusammen performten sie "Chrome", dies (oh Wunder!) ohne technische Probleme.
 
MESH legten dann eine Show hin, die zwar eher ruhig, aber dennoch überzeugend war. Zu den Songs wurden auf einer Leinwand Videos eingespielt, wie bei "Waves" passenderweise Wellen, welche mit den darauf fallenden Schatten der Musiker so wirkten, als stünde der Sänger mitten darin. Das Publikum ließ sich von den Versuchen Mark Hockings, es zu animieren, mitreißen - aber diese wären nicht nötig gewesen, es war auch so mehr als begeistert. Die Klassiker "Little Missile" und "It scares me" durften nicht fehlen, womit MESH insgesamt eine gute Mischung ihrer Musik präsentieren konnten. Leider hatten die Engländer ebenso wie die Bands vor ihnen Probleme mit der Tontechnik, mindestens kleinere Ausfälle schienen im Hangar an der Tagesordnung zu sein. Entsprechend ihrer Herkunft waren viele englische oder eher englischsprachige Fans anwesend, was daran liegen mag, dass Mark Hockings, Neil Taylor und Richard Silverthorn bis zum November in ihrer Heimat keinen Konzertauftritt haben.
 
Nachdem der Nachmittag und frühe Abend den gitarrenorientierten Klängen gehörte, wurde es mit den beiden Headlinern nun Zeit für elektronische Klänge. Den Anfang machten VNV NATION und sicherlich haben viele ihrer jungen Fans sich gefragt, warum sind meine Helden nicht der Headliner und was für ne Band ist das nur danach...? Aber den durchschnittlichen VNV NATION Fan bringt ja nichts aus der Ruhe, und so wurde selbstredend der Auftritt wieder zu einer großen Party, das zahlreich versammelte Publikum tanzte sich die Seele aus dem Leib und sorgte wie immer für ausgelassene Stimmung, untermalt waren die Songs von Videoanimationen auf drei verschiedenen Leinwänden. Ronan freute sich wie immer diebisch über die Stimmung und heizte das Publikum mit Ansagen wie: "Ihr seid so geil" an. In diesen Momenten kam ich mir allerdings eher wie in einem Oktoberfestzelt oder auf dem Ballermann vor...
 
Dann wurde es Zeit für das genaue Gegenteil des VNV Kosmos, keine freundlichen Videoanimationen oder austauschbare "Gute Laune Mucke", sondern kanadischer Klangwahnsinn. Mittlerweile zum Quartett mutiert enterten SKINNY PUPPY die Bühne. Ein Intro aus "Rain" und Sprachfetzen einer Rede von George W Bush am 11.09. leiteten den Gig ein, dann schritt Nivek beim Song "Tormentor" zur Tat, bekleidet mit einer Art Vogel oder auch Hundemaske (die Meinungen waren dies bezüglich etwas geteilt) und einer "Jacke" aus blutigen Stofffetzen. Was folgte war ein Querschnitt aus ihrer zwanzigjährigen Schaffensphase, das neue Album wurde zum Glück nur mit zwei Songs bedacht, der Rest des Sets bestand aus alten Kultsongs wie "Worlock", "Smothered Hope" oder "Testure". Ebenfalls wie bei VNV NATION begleitet von Videoanimationen, die jedoch eher wachrüttelnden Effekt haben sollen, geht es doch größtenteils um die jetzige Rolle der Amis und ihres Präsidenten, leider hatten auch SKINNY PUPPY diverse Probleme mit der Technik, so das u.a. gerade die beeindruckendsten visuellen Untermalungen bei "VX GAS ATTACK" nicht zu sehen waren. Dennoch wieder ein Beweis, dass SKINNY PUPPY im Bereich des harten Elektro wohl nie von ihrem Thron zu stoßen sind. Und so sollte man sich diese geniale Show mittels der im September erscheinenden DVD "The Greater Wrong Of The Right Live" auf den heimischen Bildschirm holen oder noch schnell eine der wenigen momentan laufenden Europa Gigs besuchen, was ich nur empfehlen kann!
 
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Texte: Carola Kruse, Michael Specht [terrorverlag]

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Fotos: Sandro Griesbach [darkmoments]

 

 

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