Lordi - Silverlane - Fatal Smile  .[ Turbinenhalle, Oberhausen 31.01.2009 ]
 

Samstag, der 31. Januar 2009. Die Turbinenhalle in Oberhausen ist an diesem Tag Pilgerstätte für ganze Familien, denn ein Spektakel der besonderen Art steht an und soll das Ruhrgebiet noch am selbigen Abend zum Wackeln bringen. Was da los ist? Eine Horde Monster hat sich angekündigt! Es sind Lordi aus Finnland, die spätestens seit ihrem Triumph beim Eurovision Songcontest vor rund drei Jahren in aller Munde sein dürften. Der Sieg öffnete dem Hard-Rock-Quintett ganz neue Türen und mittlerweile haben die Fünfe ihr viertes, brandneues Studioalbum auf dem Markt. „Deadache“ [ rezi ] heißt es und genau mit diesem Werk sind Lordi auch dieser Tage auf Tour unterwegs. Und jeden Abend heißt es für die Herren und die Dame das gleiche Spiel: Rein in die Monsterkostüme! So natürlich auch in Oberhausen. Doch ehe es ans Umziehen geht, haben wir die Gelegenheit Sampsa Astala aka Kita vor der Show für ein kleines Interview [ hier ] zu treffen. Ohne Kostüm sieht Lordis Drummer – wer hätte es gedacht – fast schon zu brav aus. Da er nur gut 10 Minuten zum Umziehen braucht, hat er Zeit für das Gespräch, während Sänger Tomi Putaansuu aka Mr. Lordi bereits in seine Monsterklamotten schlüpfen muss, um rechtzeitig bis zur Show fertig mit dem Stylen zu sein. Um 19:00 Uhr ist Einlass in der Halle. Und zu diesem Zeitpunkt hat sich draußen vor den Türen auch schon eine beachtliche Menschenmenge angesammelt, die ins Warme will. Nur schleppend kommt der Eingang näher, doch als um 20:00 Uhr die erste Vorband die Bühne entert, haben es alle Fans nach drinnen in die Halle geschafft.

 

Zunächst haben Fatal Smile die Ehre. Große Banner kündigen die Band an und nur Sekunden später stürmen vier Herren die Bühne und legen mit ihrer Rockshow los. Ohne die Band zu kennen, hat man schnell das Gefühl, dass sie aus Skandinavien kommen muss. Aber nix Düsteres aus Finnland, sondern glammiger Hard-Rock-Flair aus Schweden! Das Gefühl täuscht nicht: „We`re Fatal Smile from Stockholm!“, ruft Sänger Blade nach den ersten beiden Songs ins Mikro, „And the next song is `Out Of My Fucking Head`!“ Er und seine drei Bandkollegen Alx am Bass, Y an der Gitarre und Zteff an den Drums haben eine knappe halbe Stunde Zeit, zu überzeugen. Das Quartett schafft es mit Leichtigkeit die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Blade stürmt wie ein Wirbelwind – stetig mit Mikrofon-Ständer in der Hand – über die Bretter und schwingt immer wieder seine blonde Mähne durch die Lüfte. Er hat sich in eine rote Lederjacke gehüllt und ist wie seine Bandkollegen mit allerlei Schnickschnack behangen. Das ist Rock`n`Roll! Das gehört dazu! „Run For Your Life“ steht als nächstes auf der Setlist und Fatal Smile schaffen es, das Publikum zum Klatschen zu animieren. Auch die aktuelle Single der Schweden „Learn-Love-Hate“ wird positiv von den Anwesenden aufgenommen. „Do you have fun?”, grölt Blade ins Mikrofon, um nur kurz darauf das sechste und damit letzte Lied anzustimmen, mit dem Fatal Smile ein letztes Bündel an Energie versprühen. Ihr Gute-Laune-Rock hat angesteckt. Als Dankeschön für den freudigen Empfang verbeugen sich die vier zum Abschied und räumen schließlich die Bühne für die zweite Vorband. Und die kommt aus Germany und nennt sich Silverlane. Bekannt sein dürfte ihr Drummer Simon Michael, der parallel auch bei Subway To Sally aktiv ist. [ Galerie ]

 

Er und seine fünf Bandkollegen von Silverlane haben sich aber weniger dem Mittelalter-Rock, sondern vielmehr dem melodischen Power-Metal verschrieben. Und mit Ecki Singer haben sie auch einen charismatischen Sänger gefunden, von dessen Stimme die Band getragen wird. 23 Jahre jung ist Ecki, wirkt aber stimmlich schon wahrhaft reifer. Das beweisen zum Beispiel Songs wie das schwerfällige „Kingdom Of Sand“ oder „Full Moon“. Auch Silverlane wissen das Oberhausener Publikum von sich zu überzeugen. Immer wieder werden Arme nach oben gerissen und die Anwesenden klatschen freudig bei den Songs mit. Ecki, Simon und ihr Gefolge – Daniel Saffer am Bass, Uli Holzener an der Lead Gitarre, Chris Alexander an der Gitarre und Dodo, die einzige Frau in der Band, an den Keyboards – rocken weiterhin Tracks wie den Titelsong ihres Debütalbums „My Inner Demon“ und „The Flight Of Icarus“. Mittlerweile hat sich der schwarzhaarige Sänger mit den hellen Strähnen seiner Jacke entledigt und turnt in weißem Hemd über die Bühne. Vom rechten Bühnenrand läuft er nach links und wieder zurück. So hat jeder in den vorderen Reihen die Möglichkeit ein paar Schnappschüsse zu machen. Andere, denen das Stehen in der Menge nicht zusagt, haben sich auf den kleinen Emporen in der Turbinenhalle einen Platz gesichert, um das Konzert aus sicherer Entfernung überblicken zu können. Doch eigentlich gibt`s an diesem Abend keine Sichtprobleme, denn richtig voll bis in die hintersten Ecken ist der Saal nicht. So kann jeder – sofern er sich nicht in den ersten Reihen aufhält – recht locker stehen. „Lasst euch von uns noch einmal in den Bann ziehen!“, ruft Ecki und kündigt mit „Wings Of Eternity“ kurz vor 21:30 Uhr das letzte Lied des Abends von Silverlane an. [ Galerie ]

 

Dann ist es Zeit für die Monster aus Finnland. Auf der Bühne wird zügig umgebaut und sämtliche Requisiten zurechtgerückt. Um 22:00 Uhr sollen Lordi mit ihrer eigenen Rocky-Horror-Picture-Show loslegen, doch verzögert sich der Auftritt. Ein leicht gestresster Tourmanager hechtet eilig über die Bühne. Schließlich kommt er zu uns herüber, um uns Backstage zu bringen. Uns steht noch ein kurzes Photoshooting mit den Monstern bevor. Sampsa ist in der Garderobe kaum wiederzuerkennen. Ein bisschen unheimlich ist es schon, plötzlich mit fünf großen hässlichen Monstern allein in einem engen Raum zu sein. Doch die Fünfe – Mr. Lordi, Kita, Amen, Ox und Awa – sind handzahm und lassen uns die Haare auf dem Kopf. Dann ist es auch Zeit für das Konzert. Wir machen uns auf den Weg zurück ins Publikum, während die Band die Bühne in Beschlag nimmt. Diese ist – wie nicht anders erwartet – im Horrorstyle dekoriert: blutbespritzte Stellwände, eine Leiche im Sack, aufgehängte und baumelnde Körperteile...sehr lecker! Den Hintergrund ziert ein überdimensional großes Lordi-Banner. Und Lordi werden von ihren Fans schon ungeduldig erwartet. [ Galerie ]

 

Ein bunt gemischtes Publikum haben die Finnen in die Turbinenhalle gelockt. Groß, klein, jung, alt...alle sind sie vertreten. Lordi beginnen ihre gut anderthalb-stündige Show mit „Girls Go Chopping“, dem Opener des neuen Albums „Deadache“. Feuerfontänen sprühen gen Bühnendecke und heizen den Fans und Bandmitgliedern zusätzlich ein. Dabei dürfte es unter den dicken Latexschichten der Monsterkostüme auch so schon warm genug sein. Ox, der Bassist, hat sich zur Linken positioniert, während Gitarrist Amen die rechte Seite einnimmt. Kita an den Drums und Awa an den Keys sind mit ihren Instrumenten in den Hintergrund gerückt. Mr. Lordi himself krönt die goldene Mitte und wirkt durch seine zentimeterhohen Plateau-Schuhe wie ein Riese. „Oberhausen, is everbody doing alright?“, grunzt er nach dem zweiten Song ins Mikro und bekommt ein einstimmiges “Yeah“ als Antwort. So machen Lordi mit „Raise Hell In Heaven“, weiter. Nur kurz darauf führt Ox eine trollartige Gestalt an einer Eisenkette über die Bühne. Mit viel Fantasie hätte es auch eine mutierte Bulldoge sein können. Das würde zum nächsten Lied „Bite It Like A Bulldog“ passen. Und wieder ertönt ein Knall, der durch Mark und Beine fährt, und es sprühen Feuerfontänen nach oben. Mit „Who`s Your Daddy“ rocken die Finnen nun einen Track von ihrem Vorgänger-Album „The Arockalypse“. Amen hat sichtlich Spaß und hüpft immer wieder von einem Bühnenrand zum anderen. Zusätzlich unterstützt er hier und da Mr. Lordi im Gesang. Als es Zeit für „Blood Red Sandman“ ist, hat sich das Monsteroberhaupt als „Sandmann“ verkleidet und hält plötzlich einen Sack in der Hand. Was da wohl drin ist? Gar nicht so einfach mit den langen Fingern in den engen Sack zu langen, um schließlich bunte Papierschnipsel in die Luft zu werfen.

 

Im Anschluss gibt es wieder einen neuen Track zu hören – „Man Skin Boots“ – , den Kita zuvor im Interview als besten Live-Track vom neuen Album identifiziert hatte. „Oberhausen is a very special place for us“, lässt Mr. Lordi plötzlich feierlich verlauten. “We played our very second show ever in this city on the tour with Nightwish a few years ago. And now we gonna do something very special!” Und zwar performen Lordi zur Überraschung aller den Track “The Night Of The Loving Dead”, den sie zuvor noch niemals live gespielt haben. Eine Weltpremiere sozusagen. Und diese wird gebührend von den Fans gefeiert. Auch kommen sie zwischendurch immer wieder in den Genuss von einigen Showeinlagen. Awa spießt ein tanzendes „Pärchen“ mit einer Lanze auf, während Kita mit Schwert eine schwarze Gruselgestalt köpft. Ähm, gibt es bei Lordi-Shows eigentlich Altersbegrenzungen? Auch Szenen, die ein wenig an das Texas Chainsaw Massacre erinnern, kommen in Oberhausen nicht zu kurz. Nicht, dass viel Blut fließen würde oder so...nach „Deadache“ und noch zwei älteren Stücken schaffen Lordi mit ihrer Ballade „Evilyn“ eine kleine Verschnaufpause.

 

Plötzlich fallen „Schneeflocken“ von der Hallendecke, die sich allerdings schnell als „Schaumflocken“ entpuppen. Nur Minuten später überzeugt Amen mit einem famosen Gitarrensolo, das nicht nur geringfügig zum Unterhaltungsfaktor des Konzertes beiträgt. So auch der nächste Track „Dr. Sin Is In“. Extra für diesen Track überrascht der Sänger von Lordi mit einem neuen Outfit: Er hat sich quasi eine Verkleidung über seine Verkleidung gezogen, ganz nach dem Motto „Doppelt hält besser“. So stiefelt er nun im Arztkostüm über die Bühne und hält zwischendurch immer mal wieder an einer Art OP-Tisch an, um ein wenig „rumzumatschen“. Will jemand Würstchen haben? Yum, yum. Nach dem nachdenklichen Stück „Missing Miss Charlene“ verschwinden die fünf Finnen kurz von der Bildfläche, aber nur Sekunden später taucht Mr. Lordi allein wieder auf und hat eine Puppe mit dabei. „She`s a German girl“, pflichtet er bei und lässt die Puppe zur Demonstration ein paar Worte sprechen: „Spielst du mir etwas vor?“ „No idea what she said”, so Mr. Lordi. Und die Puppe wieder: „Nimm mich in die Arme!“ Mr. Lordi: „Ok.“ Das Publikum amüsiert sich köstlich über den Dialog zwischen den beiden. „Gib mir einen Kuss!“, fordert die Puppe als nächstes auf. „Willst du mit mir spielen? Wir sind die besten Freunde! Singst du mir bitte etwas vor?“ Das perfekte Stichwort für Mr. Lordi und seine Monstertruppe: „Sure! That`s what we can do.” Und so rocken die Finnen mit ihrem Ohrwurm “Would You Love A Monsterman” weiter. Erneut knallt es in der Halle und plötzlich segeln tausende bunte Papierschnipsel von der Hallendecke gen Boden. Es folgen „Devil Is A Looser“ und weitere Feuerfontänen, hinter denen Mr. Lordi mit einem Male seine Flügel ausbreitet, als wolle er wie ein Drache abheben.

 

Stattdessen klappt er die Flügel nach dem Lied aber wieder zusammen, um zum Abschluss und absoluten Höhepunkt des Konzertes mit seinen Bandkollegen noch „Hard Rock Halleluja“ anzustimmen. Mit diesem Song hatten Lordi im Jahr 2006 den Eurovision Songcontest gewonnen und natürlich darf der Track nicht auf der Setlist fehlen. Ein letztes Mal holen Lordi an diesem Abend alles aus ihrer Reserve und auch die Fans springen begeistert in die Lüfte und singen jede Liedzeile auswendig mit. Eine wahrlich gelungene Horrorshow! Gelungen war auch die Auswahl der beiden Supportbands. Durch die unterschiedlichen Soundstile konnte es einfach nicht langweilig werden. Trotzdem wird sich der ein oder andere nach diesem langen Abend auf sein Bettchen gefreut haben.

 
Text: .Lea Sommerhäuser
Bilder: .Sandro Griesbach