IAMX und Support Warren Suicide  [Cocoon Club, Frankfurt, 02.12.06]
 
 
Feueralarm? Nein, das ist nur Nackt, der sich bewaffnet mit einem heulenden Megaphon seinen Weg durch die Menge zur Bühne bahnt. "Hello, hello, my name is Warren Suicide. I want to take you, take you on a night ride". Die Wahlberliner Electroband Warren Suicide mit dem schrägen Sound, für den es keine wirklich passende Schublade gibt, übernimmt auf der IAMX Tour die Rolle des Einheizers.
 
 

 
Wie gut das Nackt singend an der Gitarre, Cherie singend am Keyboard und Bert-ill an den Drums gelingt, ist zumindest aus den hinteren Rängen schwer zu beobachten. Das Publikum macht seiner alternativen Bezeichnung "Zuschauer" scheinbar alle Ehre, will heißen: Viel Bewegung ist nicht zu sehen, aber alle Augen sind interessiert gen Bühne gerichtet. Dieser ominöse Warren Suicide ist die vom Album bekannte Figur, die ebenfalls in projizierter Form anwesend ist. Diese Projektionen werden nicht nur wie üblich auf eine Leinwand hinter dem Drummer gebeamt, sondern sind rundum an den in weißen Waben und grünen "Cocoons" gehaltenen Wänden des Clubs zu sehen. Für eine Technoparty mag dieser Effekt möglicherweise schon gewohnt sein, aber für ein Konzert wirkt das ganz hervorragend und neu. Und einen Ohrwurm bekommt man mit "My name is Warren Suicide" gleich noch kostenlos dazu. Ein ebenso schräger wie gelungener Start in den Konzertabend.
 
Nachdem das "Electro-Punk-Terrorist"-Comic-Trio die Bühne verlassen hat, passiert eine etwas zu lange Weile (außer dem üblichen Kurzchecken des Sounds) gar nichts. Der weit über 1000 Besucher fassende "Cocoon Club", eigentlich ein Tempel der Technojünger, ist nun schätzungsweise zu einem Viertel gefüllt. Luxusbedingungen für das Publikum - und auf weniger angenehme Art auch Luxus für den Veranstalter, der sich und dem Publikum hier ein Luxuskonzert in doppeltem Sinne schenkt. Vereinzelt zieren schwarze Zylinder die Köpfe anwesender Damen, das Publikum ist in jeglicher Hinsicht gemischt - und es wartet inzwischen spürbar.
 
 
Dann, endlich: Zu den Intro-Klängen von The Alternative und unter gleichzeitig einsetzendem Applaus kommen nach und nach die vier IAMX-Musiker ohne viel Aufhebens auf die Bühne - Chris Corner, wie erwartet zylindrisch behütet, als letzter. Chris hatte uns vorher im Interview (Link s.u.) erzählt, dass er sehr zufrieden damit ist, dieses Mal mit einem eingespielten Team zu touren. Es sind Tom Marsh am Schlagzeug, Dean Rosenzweig an der Gitarre und Janine Gebauer am Keyboard, die da gerade heftig ihre Instrumente bearbeiten und diesen alles entlocken, was für eine druckvolle Präsentation von The Alternative nötig ist. Dem energiereichen Titelsong des zweiten Albums folgt der laszive Titelsong des ersten Albums, Kiss & Swallow, den das Publikum begeistert aufnimmt. "Echo, Echo, I know it's a sin to kiss and swallow". Es ist beinahe etwas unheimlich, welche Intensität bereits jetzt in der Luft hängt. Mit Bring me back a dog wird es danach dreckiger, härter, die Ohren scheinen sich auf die Unterhaltung zwischen Bass und Drums spezialisiert und ihren Job an jede einzelne Körperzelle delegiert zu haben.
 

 
Meine Erkenntnis des Abends: Noch besser als ein IAMX-Album ist... ein IAMX-Konzert! Es ist beeindruckend, wie grandios die Songs präsentiert werden. Der Gesang ist noch deutlich intensiver als auf den Studioaufnahmen, bleibt dabei aber genauso präzise - und eben diese Kombination macht glücklich. Auch die Musik scheint noch mehr Energie, Druck und Dynamik zu haben.
 
 

 
Wie zum Beweis haut nun The Negative Sex dem Publikum seinen live unglaublich kraftvollen Chorus um die Ohren. Im Publikum ist dies nicht als die gewohnte, einfache Bassdruckwelle zu spüren, sondern hier stürzt ein komplexes, leidenschaftliches Gebilde aus der IAMX-Welt auf diejenigen ein, die wirklich auf "Empfang" geschaltet haben. Was an der Show insgesamt vielleicht fast ein bisschen zu kurz kommt, sind die (ebenfalls von Chris Corner geschaffenen) Projektionen. Denn fast sämtliche Empfangskanäle sind bereits belegt von den den ganzen Körper verführenden Rhythmen, dem betörend-intensiven, ja fast hypnotischen Gesang, von der ebenso extravertiert wie selbstvergessen wirkende Performance, von der Flut von Emotionen, die der Mann mit dem Zylinder durch seine Songs über seinem Publikum ausschüttet und es in seinen Bann zieht. Es passiert mir vielleicht ein Mal bei 100 Konzerten, dass mich die Musik am Fotografieren hindert. Nun, das ist jetzt so ein Konzert. Es ist einfach zu gut, zu intensiv, um sich auf etwas anderes konzentrieren zu wollen, als die Musik mit einem anstellt.
 
Mit President wechselt die Stimmung - es geht ans Herz. Was bleibt, ist die Intensität. Der Wall von Emotionen, der da in Richtung Publikum geschoben wird, ist gut geeignet, einem vor lauter Gefühlsüberflutung Tränen in die Augen zu treiben. Dazu trägt sicher auch der irgendwie naiv anmutende Walzertakt dieses Songs in Verbindung mit gefühlvoll gesungenden Zeilen wie "For all you lonely boys, I will be president" bei.
 
 
Mit feuchten Augen und einem rührseligen Kloß im Hals geht es zur Erholung dorthin, wo sich Phönix, Teufel, Schlange und Sirene treffen: Songs of Imaginary Beings. Im Anschluss an diesen märchenhaften Song und den dafür eingeheimsten Applaus begibt sich Chris ans Keyboard und löst dort Janine für einen Song ab. Die ersten, tiefen Klaviertöne, die er selbigem entlockt, lassen den Jubel erneut anschwellen. Und als der traurig-schöne Gesang einsetzt, ist der Kloß im Hals auch wieder da. "When the joys of living just leave you cold. Frozen from the failing mess you've made your own". Es ist der wohl herzergreifendste IAMX-Song This will make you love again, der nun Ohren und Herzen erfreut und eine wehmütige, aber auch tröstende Stimmung verbreitet. Verdächtig still wird es im Publikum und vereinzelt ist - sofern mich meine eigene, auch schon wieder kaleidoskopisch gewordene Wahrnehmung nicht trügt - hier und da verstohlene Augenwischerei zu beobachten. "Here's the consolation that will change your heart and mind". Thanks, Chris.
 

 
Erneuter Stimmungswechsel. "It's the shining of you that just breaks me in two like a lifeline. You're my lifeline". Die nächste Viertelstunde gehört drei Songs vom ersten Album: Mercy, Sailor, Skin Vision. "When I smell your skin you just make my whole world weep…" Es wird elektronisch-erotisch. "Three way, freeway, take me like a sailor. Three way, freeway, wanna be a sailor?"
 
 

 
Chris hatte auf die Frage, was uns heute Abend erwartet, eine "sexy, messy, glamorous show" versprochen. "Violent roleplay, Codeine champagne..." - es scheint, wir sind wirklich mittendrin. Wollen wir wieder raus? "Der Mann ist ein Superstar" höre ich meinen Nebenmann ergriffen feststellen. Wie Recht er hat... Und wie unfassbar erscheint es, dass nicht hunderte Musikliebhaber schon Stunden vor Öffnung der Ticketkasse ihre Zelte vor dem "Cocoon" aufgeschlagen haben um noch eine Karte zu ergattern und der Club nun aus allen Nähten platzt. Der Weg führt uns nun mit Nightlife wieder zurück zum aktuellen Album. In diesem Song werden zwar dreckigere Clubs als es der futurästhetische "Cocoon Club" ist besungen, aber trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - passt der Song so hervorragend in diese Venue. Dieses Konzert ist deutlich mehr als eine Band, die vor einem Publikum spielt. Der ganze Club scheint erfüllt von einer dichten Atmosphäre, die fast sichtbar oder greifbar wirkt. Die Stimmung steigt weiter, die Bewegungen werden freier, das Publikum ist bereit für mehr.
 
Stopp - hat er gerade gesagt "This is our last song for tonight"? Ich fürchte, er hat. Aus organisatorischen Gründen (im Anschluss fand eine weitere Veranstaltung statt) verabschieden sich IAMX schon nach einer Stunde vom ihrem Publikum, und zwar mit der frisch gepressten Single "Spit it out". Song-Ende und Applaus gehen anschließend nahtlos ineinander über, und das Publikum scheint auch nicht gewillt, diese Zugabeforderung wieder einzustellen.
 
 
Chris und Band lassen sich nicht lange bitten und kehren für die melancholische Zugabe After every party I die auf die Bühne zurück. Die kleine, enthusiastische Menge wartet dieses Mal mit den Begeisterungs- verkündungen nicht mehr, bis Chris' Stimme verklingt. Und der Applaus scheint immer noch mit jedem Song lauter zu werden; immer mehr Arme und Hände füllen den Raum über den Köpfen, immer stärker schwappt die intensive Atmosphäre der Performance auf das Publikum über und...     Und dann ist plötzlich alles einfach zu Ende.... "After every party I die". Anders als auf dem Album, auf dem der sich an diesen Song anschließende Seelentröster This will make you love again den Abschied aus der X-Welt leichter macht, werden wir hier unerwartet früh und etwas unsanft aus einem beeindruckenden Konzert und dem IAMX-Cocoon zurück in die reale Welt entlassen.
Da bleibt nur der mp3-Player auf der Heimfahrt: "... If I have to switch the lights off, I wanna switch them off with you. This will make you love again. And now you're safe. Love again..."
 

 
Text und Bilder: Claudia Schöne
» zum Interview mit Chris Corner
(englisches Original, Übersetzung folgt)