Interview mit Ville Valo [ HIM ] am 24.02.2008 in Köln, Chelsea Hotel [ face 2 face ]
 

Dass Suomi rockt, dürfte mittlerweile klar sein. Fünf gewisse junge Herren aus Helsinki tragen da nicht unerheblich zu bei. Immer wieder schaffen sie es düster-melodische Ohrwürmer zu kreieren, die im Kopf hängen bleiben und sich dort regelrecht festsetzen. Die Band beweist, dass nur drei Buchstaben nötig sind, um Mädels völlig aus dem Häuschen zu bringen. HIM sind zurück in unserem Lande! Und das nicht allein: Mit im Gepäck haben sie ihr neustes Schaffenswerk „Venus Doom“. Es ist das mittlerweile 6. Studioalbum des nordischen Quintetts – rau und melodisch zugleich. Und das sollte auch dem Kölner Publikum auf HIMs Deutschland-Tour nicht vorenthalten werden. Vor der Show trafen wir Sänger Ville Valo zu einem ganz persönlichen Plausch im Chelsea-Hotel.

 

Lea: Wie geht es dir und wie läuft die Tour bisher?
Ville: Die Tour ist soweit gut. Ich langweile mich nur ein bisschen, weil wir gerade erst zwei Tage frei hatten. Aus irgendeinem Grund haben wir eine Menge freier Tage auf dieser Tour. Und wir waren schon so oft in Köln, von daher gibt es hier nicht so viele Dinge, die du unternehmen kannst. Zum Dom spazieren, das ist alles.

 

Lea: Warst du schon oben im Dom drinnen?
Ville: (lacht) Eigentlich war ich diesmal noch gar nicht am Dom. Ich habe diese andere Kirche besichtigt in der Nähe vom Neumarkt. Eine dieser alten, wirklich guten katholischen Kirchen. Es war das erste Mal, dass ich allein in einer Kathedralen-ähnlichen Kirche war. Nicht eine einzige Person habe ich angetroffen. Das war wirklich cool. Nun, die Türen stehen einfach offen, aber es ist keine große Touristenattraktion. Okay, erst war in der Kirche noch diese eine betende Lady, die aber verschwand, als sie mich sah. (Gelächter)

 

Lea: Abgesehen von diesen kleinen Sightseeing-Trips kaufst und liest du auch gerne Bücher, stimmt das?
Ville: Ich kaufe sie, aber lese sie nie (lacht). Ich habe daheim eine Menge Bücher, vielleicht 1500 Stück, und davon habe ich 70 % gelesen. Es sind also noch ein paar Bücher übrig, die ich noch nicht angerührt habe, da ich bisher keine Zeit hatte. Besonders in Amerika gibt es viele Leute, die mir Bücher schenken. Die Welt der Poesie ist so riesig, dass es unmöglich ist, jeden Autor zu kennen. Aber liebe Leute, vielen Dank, dass ihr mir Bücher schenkt (grinst)! Ich habe auch eines von Goethe, „Die Sorrows Of The Young Werther“, oder wie auch immer es heißt.

 

Lea: Die Leiden des jungen Werther. (grinst)
Ville: Ja, das Buch habe ich bekommen, aber ich hatte noch keine Zeit, es zu lesen. Ich reise momentan mit vier Büchern, und gestern erst habe ich „Last Exit To Brooklyn“ von Hubert Selby jr. zu Ende gelesen. Er hat auch „Requiem For A Dream“ geschrieben, falls du den Film mit Jared Leto und den Junkies kennst. Auf jeden Fall ist Selby jr. ein faszinierender Autor.

 

Lea: Und wenn du selbst ein Buch schreiben würdest, welchem Genre würde es angehören?
Ville: Wahrscheinlich bestünde es nur aus einer Seite (lacht). Ich schreibe viel für die Band, und jede Zeile in einem Lied ist für mich eine Art Roman. Texte für einen Song zu schreiben ist sozusagen literarischer Minimalismus. Migé, unser Bassist, er sollte ein Buch schreiben! Er ist sehr talentiert, besonders, wenn es um die finnische Sprache geht. Er ist gut in Sprachen. Er schreibt die Dinge nur in einer sehr seltsamen Weise. Sie sind wirklich lustig, aber gleichzeitig auch wegweisend.

 

Lea: Ich habe auf eurer Setlist gesehen – zumindest auf der für Mannheim – dass ihr keinen einzigen Song von „Deep Shadows & Brilliant Highlights“ auf dieser Tour spielt. Seid ihr die Songs bereits Leid?
Ville: Oh, die meisten. Nein, es ist so, dass wir viele Songs mit Piano haben. Wir haben da zum einen „Sleepwalking past hope“, wir haben „Vampire heart“, wir haben „The sacrament“ und „Join me in death“. Auch bei „Funeral of hearts” ist ein bisschen Piano zu hören. Wir versuchen es zu vermeiden, dass unser Set komplett aus jenen Songs mit Piano besteht, aus diesem Grund spielen wir zum Beispiel nicht „Heartache every moment“ auf dieser Tour. Und „Pretending“ ist ein langweiliges Lied. Es gibt da einige gute Lieder auf dem Album „Deep Shadows & Brilliant Highlights“, aber live sind die nicht so gut. Ich liebe „Salt in our wounds“, aber das spielen wir nicht. Vielleicht ein ander mal.

 

Lea: Welches ist das verrückteste Gerücht, dass du je über HIM oder dich selbst gehört hast?
Ville: Es gibt da nicht so viele verrückte, nur die üblichen, dass wir alle ganz viele Kinder rund um die Welt haben, was nicht wahr ist. Und als ich damit begann, diese Mütze zu tragen, gab es das Gerücht, dass ich Krebs hätte, dass ich gerade eine Chemotherapie durchliefe und deshalb die Mütze trüge. Aber der eigentliche Grund, sie zu tragen, ist der, dass du deine Haare nicht so oft waschen musst und sie wie Ohrenstöpsel wirkt, denn meine Ohren sind durch all das langjährige Touren sehr empfindlich geworden. Aber eigentlich gab es keine schlimmen Gerüchte über uns. Außerdem haben wir einen makabren, dunklen Sinn für Humor, deshalb können wir über fast alles lachen.

 

Lea: Ihr ward zuletzt viel in Amerika unterwegs und habt überall eine Menge Erfolg eingeheimst. Bist du mit deinem Leben momentan zufrieden oder vermisst du irgendwelche Aspekte?
Ville: Ja, ich vermisse „a piece of ass“. Das wäre eine gute Antwort auf diese Frage! Ich bin nun seit gut einem Jahr Single, deshalb wäre eine Beziehung schön. Aber ich will nicht jammern. Es gibt viele Dinge in jedermanns Leben, die fehlen, und du kannst dich immer über viele Dinge beschweren, aber weißt du, das ist okay. Ich bin in einer sehr erfolgreichen Band und ich habe alles zum Leben.

 

Lea: Es gab in deiner bisherigen Karriere viele Nebenprojekte. Du hast mit Bands und Künstlern wie Apocalyptica, der Bloodhound Gang und Manna zusammen Lieder aufgenommen. Aber gibt es da irgendein Highlight, was du erwähnen würdest?
Ville: Ein persönliches Highlight war vielleicht mein Gesangspart für den Song „The Byronic Man“ von Cradle Of Filth, denn ich bin ein großer Cradle-Of-Filth-Fan. Ich habe Dani einige Male getroffen. Ich mag die Jungs in der Band und ich liebe ihre Musik. Aber dann wiederum gab es noch viele andere Dinge, die mir wirklich gefallen haben, wie diese „Summer Wine“-Sache, die ausgesprochen gut gelungen ist. Ich wurde gefragt, ob ich diesen Song singen wolle, und ich musste eine Sekunde darüber nachdenken und sagte dann Ja, weil das Studio in Hamburg lag, wo ich viele Freunde habe. Deshalb dachte ich, dass ich auf diese Weise kostenlosen Urlaub bekomme, und letztendlich war es auch so. Somit hatte ich einen freien Flug nach Hamburg, vier Tage absolute Party, zwischendurch ein bisschen Singen und für ein oder zwei Sekunden Vor-der-Kamera-Stehen.

 
Lea: Wie würdest du den Satz “Musik ist…” vollenden?
Ville: (denkt eine Weile nach) Musik ist ein schönes Monster.
 

Lea: Hast du jemals darüber nachgedacht, alles mit der Musik einfach hinzuschmeißen?
Ville: Ja, sicherlich, jeden Tag. Jeder denkt für gewöhnlich mehr oder weniger jeden Tag darüber nach den Job zu kündigen.

 

Lea: Aus welchen Gründen würdest du Abstand vom Musik-Business nehmen?
Ville: Das Geschäft ist immer so lange gut, solange es Geschäfte gibt, solange du Geschäfte betreibst und du darin auch gut bist. Solange also Geld fließt, geht es dir gut. Je mehr Geld, desto besser. So stellt sich der Weiße Mann den Himmel vor, denke ich, einfach stetig die Bank voll zu haben, sodass man nichts tun muss. Aber im Musikgeschäft kannst du wirklich frustriert sein, wenn es um die Kreativität geht. Ich meine damit, wenn Lieder nicht so gut wie ursprünglich geplant werden, wenn du keine zufriedenstellenden Texte aus dir herausholen kannst. Dann kann es auch sein, dass du schlechte Gigs spielst und du kaputt bist. Natürlich kannst du nicht immer perfekt sein. Du musst nur Geduld haben. Je älter ich werde, desto nüchterner werde ich, desto langweiliger wird es zum Beispiel, zu touren, weil es einfach nicht so viele Dinge zu tun gibt. Was machst du hier in Köln? Nichts! Ich habe die Stadt bereits tausende Male gesehen! Ich interessiere mich nicht für Museen, für Sport, für die Claudius Therme oder Religion. Und seit ich nicht mehr trinke, bleibt nicht mehr viel an Möglichkeiten für mich übrig. (grinst)

 

Lea: Aber das Rauchen hast du noch nicht aufgegeben! (deutet auf die Zigarette in Villes Hand)
Ville: Mm, du weißt doch, dass Rauchen gut für den Verdauungsapparat ist. Du musst ein paar schlechte Angewohnheiten haben. Nun ja, Masturbieren macht dich blind, vom Rauchen bekommst du Krebs. Das ist die alte klassische Wahrheit. Mehr oder weniger macht alles süchtig. Das Leben selbst macht süchtig, Beziehungen machen abhängig, Musik macht sehr süchtig…

 

Lea: Aber dein Gesundheitszustand war zuletzt nicht der Beste…
Ville: Ich war auf Reha, aber das ist schon fast ein Jahr her. Ich habe nun seit über neun Monaten keinen Drink oder Drogen oder dergleichen mehr angerührt, was sehr gut ist.

 

Lea: In der Tat. Wenn du etwas auf dem Herzen hättest, wer aus der Band wäre der beste Zuhörer?
Ville: Sie sind alle ziemlich gut im Zuhören. Linde, der Gitarrist, ist der Ruhigste, von daher ist es für gewöhnlich am schwersten, mit ihm ein echtes Gespräch zu beginnen, da er nicht viel spricht. Gas ist ein guter Zuhörer und Migé auch. Aber mit Migé ist es normalerweise so, dass wir beginnen, über philosophische Dinge zu sprechen. Er wird dabei nicht ernst, aber sehr detailliert. Ich weiß nicht warum, auch wenn wir uns jetzt schon so lange kennen. Und mit Burton komme ich auch gut aus.

 

Lea: Und wie viel bedeutet dir deine Heimat, Helsinki, der Ort, an dem du lebst?
Ville: Ich kenne viele Leute da oben. Helsinki ist der Ort, an dem ich die meiste Zeit meines bisherigen Lebens verbracht habe. Meine Eltern und mein Bruder leben dort, meine Freunde wohnen dort und jeder aus der Band, auch unser Manager… Außerdem haben wir unseren Proberaum dort oben. Lass es mich so sagen: Es ist ein konzentriertes Gebiet. Da leben eine Menge Leute, die mir sehr viel bedeuten. Es ist ganz egal, wo ich bin. Ich verbringe mittlerweile mehr Zeit fern meiner Heimat, als dort oben zu sein.

 

Lea: Wie du eben sagtest, lebt auch deine Familie in Helsinki. Wessen Gene hast du denn geerbt, eher die deiner Mutter oder die deines Vaters?
Ville: Ich denke, das liegt bei knapp 50:50. Ich habe die Augen und die Ungeduld meiner Mutter und von meinem Vater habe ich den großen Sinn für Humor und die Knochenstruktur geerbt. (grinst)

 

Lea: Ist dir dein Bruder Jesse ähnlich?
Ville: Oh, gar nicht. Er ist Löwe. Ich glaube eigentlich nicht an Horoskope, aber mein Bruder ist ganz anders als ich. Du weißt doch, er ist Musiker. Er spielt in ein paar Bands Bass und schreibt Lieder und so weiter. Er arbeitet daran. Er ist ein großartiger Kerl und wir kommen sehr gut miteinander aus. Und seit er nun mehr mit der Musik am Hut hat, ist es offensichtlich, dass wir viele Dinge zum Diskutieren haben. Wir sehen uns immer öfters und da ich schon lang nicht mehr in der Bar war, um mich zu betrinken, sind die Treffen auch kreativer und konstruktiver geworden.

 

Lea: Bist du eine Person, die an Traditionen wie Ostern und Weihnachten festhält?
Ville: Es kommt auf die Tradition an. Wir versuchen…oh mein Gott, meine Mutter hat in zwei Tagen Geburtstag. Ich hätte es beinah vergessen. (grinst) Weißt du, wir feiern die Basics. Kein Ostern, aber Weihnachten, doch nicht auf religiöse Weise. Wir treffen uns einfach nur innerhalb der Familie und reden über die Dinge, die im vergangenen Jahr geschehen sind. Ganz einfach also.

 

Lea: Wenn du von dieser Tour nach Hause kommst, was wird das Erste sein, das du tust?
Ville: Ich fahre einfach nur heim, um zu schlafen. Das ist es, was ich tun werde. Ich werde ein paar Möbel umstellen und meinen Fernseher wieder ans Laufen bekommen. Einer meiner Freunde renoviert gerade ein wenig meine Wohnung. Er macht dort ein paar klitzekleine Dinge. Das ist ein gutes Projekt, deinen Kopf frei von Musik und vom Reisen zu bekommen, wenn du dich einfach auf dein Heim konzentrierst, auf den Ort, an dem du eigentlich wohnst.

 

Lea: Morgen habt ihr einen freien Tag. Wie sehen deine Pläne aus?
Ville: Wir werden den Tag bereits in Hamburg verbringen. Ich habe ein paar Freunde in Hamburg. Da ist zum einen dieser Finne genannt Kapanen, dem dieser Shop kapanen.de gehört. Er verkauft jede Menge Merchandise von finnischen Bands wie Nightwish und so weiter und lebt schon sehr lange in Hamburg und ich werde ihm „Hallo“ sagen. Er ist mit Paradise Lost befreundet. Dann gibt es da Leo, er spielt Bass für Cathedral. Seine Band Chrome Hoof hat Morgen in Hamburg einen Gig und ich werde schauen, ob ich auf das Konzert gehen kann. Und da wir selbst zwei Nächte im Hamburger Docks spielen, werden wir vielleicht mit Paradise Lost um die Häuser ziehen. Ich hoffe es zumindest, von daher wird Hamburg toll sein. Aber das Wichtigste ist dabei auf Tour mehr oder weniger gesund zu bleiben, so viel wie möglich zu schlafen und keine Grippe mehr zu bekommen, da es auf die Stimme und alles schlägt. Und es ist natürlich unschön Konzerte zu geben, wenn du hohes Fieber hast…

 

Lea: Das kann ich mir vorstellen. Wie oft hast du denn in letzter Zeit dein eigenes Bett gesehen?
Ville: Ich schlafe in keinem Bett, wenn ich daheim bin. Ich habe diesen winzig kleinen Raum gestaltet. Es gibt da eine Matratze, aber kein richtiges Bett. Das ist schwer zu erklären. Es sieht aus wie die Neugestaltung einer Tourbus-Schlafkoje. Das gibt mir ein Gefühl von Gemütlichkeit. Irgendwann gewöhnst du dich einfach daran, dass du in Schlafkojen kein Sonnenlicht hast. Deshalb habe ich einen Raum, der schwarz gestrichen ist. Er ist wirklich winzig wie ein Gästezimmer und es gibt darin keine Fenster. Du schläfst aber einfach wunderbar darin (lacht).

 

Lea: Alles klar. Ich danke dir vielmals für das Interview! Genieße die nächsten Tage in Hamburg!
Ville: Danke, danke.

 

Wir bedanken uns für die Zusammenarbeit mit dem Zillo [ www.zillo.de ], sowie Silke von ToughEnoughPromotion und Tourmanager Tom, nicht zuletzt natürlich auch Ville Valo, der viel Geduld, gute Laune und auch Humor mitbrachte.

 
Interview geführt von .Lea Sommerhäuser .[ face to face ]
Bilder & Zillo Cover:.Sandro Griesbach
Homepage Künstler: .www.heartagram.com