Ein Theaterstück in 20 Akten -[ Goethes Erben am 04.03.2006 in der Kulturfabrik Krefeld ]
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Goethes Erben- man liebt sie oder halt nicht. Ich zähle mich zu erstgenannten und hatte sie beim Amphi-Festival im letzten Jahr zum ersten Mal live gesehen. Nun gab es wieder die Gelegenheit dazu- die vorerst zwei letzten Tourtermine fanden in Deutschland statt. Einer davon am Samstag in der Kulturfabrik-Krefeld.
 
Ab 20:00 Uhr drängelte man sich in die erste Reihe, trotz dass der Raum eigentlich grade mal zu einem Viertel gefüllt war wurde man schon an die Bühne gequetscht. Die Bühne im Hintergrund mit Armynetz und ansonsten mit sehr viel Freiraum für Oswald gehalten. Einen Support gab es nicht, nach der Show war mir auch klar warum: Die Erben brauchen einfach keinen Support, sie füllen den ganzen Abend restlos aus. Das ganze war kein Konzert im eigentlichen Sinne, sondern entsprach eher einem Theaterstück mit musikalischer Untermalung. Oswald kramte aus seiner Kiste verschiedene Hemden heraus und zog sich für einzelne Songs um, las aus einem Buch einzelne Passagen im Sitzen vor um dann gleich wieder hervorzuschnellen und etwas auszu- schreien. Seine Mimik dazu ist einmalig, selten habe ich einen Sänger erlebt, der wirklich so viel Ausstrahlung hat und mit vollem Körpereinsatz versucht seine Gedanken rüber zu bringen.

 
Ich werde jetzt nicht jeden einzelnen Song erwähnen, -wir hörten alte wie auch neue Songs und versuchten dazwischen zu Denken. Die Erben wollen nicht leere Worte von sich geben, sondern den Fokus auf gewissen Themen lenken, die man nur all zu gerne verdrängt. Sei es nun der sexuelle Missbrauch oder das Thema Selbstverletzung, viele Themen wurden angesprochen. Doch selbstredend haben wir nicht nur nachgedacht, sondern es wurde getanzt, mitgesungen und geklatscht. Oswald selber machte einen sehr gut gelaunten Eindruck, erwähnte er sei seit einem halben Jahr glücklich verliebt und witzelte mit dem Publikum. "Geht es Euch gut"- so fragte er uns zu Beginn. "Das kann sich noch ändern", und verordnete für einige Liegestützen, die sie nach der Show absolvieren sollten. Den Song Fleischschuld darf er nur bei volljährigem Publikum spielen, doch das kann man natürlich umgehen:
 
Man zieht sich einfach ein orangenfarbenes T-Shirt an aus dem Camp X-Ray mit Gefangenennummer- dann ist das doch gar kein Problem mehr. "Fleischschuld ist eine Utopie, aber das hat die FSK nicht begriffen". Er fragte uns nach Selbstverletzung und man denkt schon darüber nach wenn er fragt "Wer von Euch hat sich nicht schon einmal selber verletzt- in welcher Form auch immer? Es muss nicht nur das Schneiden sein, man denke auch an Alkohol zum Beispiel oder andere Drogen. Ich stehe auf der Bühne". Ist das für ihn auch eine Art Selbstverletzung?Natürlich trug er auch sein weißes Büßerhemd, recht ungebügelt wie er meinte aber er kennt halt keine Frau die bügeln- geschweige denn kochen kann. Doch er kennt seine Bandkollegen/ Freunde, da ist ja wirklich jeder Beruf vertreten. Da ist diese Themenvielfältigkeit eigentlich überhaupt kein Wunder. Der Abend wurde unter anderem gestaltet von einem Journalisten, einem Rechtsanwalt, einem Anarchisten, dem Ex-Krankenpfleger Oswald sowie eine Geigenlehrerin, die Oswald dann zugleich fragte "Bringst Du ihnen auch Fleisschuld bei?". Ironie und der Sarkasmus rundeten den Abend noch ab.
 
Live kommen die Songs einfach noch viel besser und durch den guten Sound und dadurch das alle Künstler der Erben aufeinander eingespielt sind, versteht man auch einige Texte jetzt viel besser als nur vom reinen Hören der Alben- so ging es mir zumindest. Extrem aufgefallen ist mir auch diese Stille im Raum während Oswald sprach. Kein Ton war zu hören und die Fans sahen gebannt auf die Bühne, das kennt man eigentlich von keinem Konzert. Alle auf der Bühne gaben alles und das war auch zu merken. Viel zu schnell war es dann auch schon vorbei, selbstredend gab es Zugaben doch der Abend hätte für uns nie vorbei gehen dürfen. Es war fast wie ein Aufwachen als das Licht leider wieder anging. Oswalds letzter Appell war "Denkt mal wieder an Eure Kuscheltiere".


Bis irgendwann, irgendwo...

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Text & Bilder: Linda Holzer [darkmoments]
Weitere Bilder von diesen Abend findet ihr auf Lindas Foto-Page: Gothicplace