Element of Crime [ Schloss, Schwetzingen 09.08.2006 ]
 
Romantik!

So lautet die Losung bei Element of Crime. Eigentlich immer schon, aber es hat lange gedauert, bis sie sich getraut haben, das laut auszusprechen. Und auch an diesem Abend erklingt der Ruf erst zur zweiten Zugabe. Und was bis dahin geschah... Ach, ist das schön im Schlosspark von Schwetzigen! Rechts eine Fontäne, links eine güldene Statue und mitten drin eine riesige schwarze Bühne. Die Atmosphäre ist wunderbar entspannt. Fast ein bisschen schade, dass es gleich laut werden wird. Das Publikum entzieht sich jedem Klassifikationsversuch; vom Blümchenkleid bis zum Kill-your-Idols-Boa-T-Shirt ist alles dabei. Schwarz sind hier nur Fotograf/innen und Security (es gibt also Dark Moments, aber keinen Black Overkill). Zunächst hören wir was von HOME OF THE LAME, was sich als sehr schöner Start in den Abend erweist. Gitarren-Rock, vielleicht auch Pop, im besten Sinne mit Potential für mehr. Auffallend schöne Stimme (höre ich da ein „Süßer Sänger“?). Werde ich mir sicher noch mal in Ruhe anhören.

Es soll doch wirklich Leute geben, die ELEMENT OF CRIME für eine Früher-war-alles-besser-Jammertruppe halten. Erstens ist das natürlich Quatsch und zweitens hat sich selten jemand so witzig darüber beschwert, dass nichts mehr so ist, wie es war. Wer über Herrn Lehmann lachen konnte, der liebt auch Element of Crime. Sven Regener lässt uns teilhaben an einer manchmal bezaubernden, manchmal absurden Deutung des Alltags. Wie oft passiert es uns, dass wir an der Haltestelle stehen, und es wunderbar finden, wie jemand sein Haar verdreht, wo die Bahn doch schon wieder Verspätung hat? Da braucht es jemanden, der gern ein Vollidiot ist, sich die Zeit dazu nimmt und uns davon erzählt. Und im Edeka des Grauens, wo wer freundlich ist verliert, waren wir doch auch alle schon. Und statt bei diesem Spiel der Übellaunigkeit mitzuspielen, hat Sven nur eines im Kopf: „Dich will ich endlich wieder sehen.“

 

Nur damit niemand auf die Idee kommt, bei so viel Verliebtheit müsse Kitsch mit dabei sein – hier ein Beispiel für die absurden Anteile: „Ein Schwedenrätsel steht vor deinem Haus in einem Erdbeerbeet und wird von 20 Wörtern ausgebuht.“. Gut zu wissen, dass auch Erdbeerbeete von ihren Müttern sehr geliebt werden. Und wenn es dann doch mal so richtig schief gegangen ist und die Erkenntnis überwiegt, „richtig schön war’s nur mit dir“, dann weiß Element of Crime dennoch Rat: Alles geht immer irgendwie weiter. Schließlich gilt es, auf dem Schlachtfeld der Geschlechter, den bislang gültigen Rekord im Schnell-Vergessen eines Ex-Freunds einzustellen. Falls nötig mit dem Vorschlaghammer: „Der ganze alte Schrott muss raus, und neuer Schrott muss rein.“. Die Liebe ist tot, es lebe die Liebe!

 

Element of Crime spielen die Lieder genau so, wie wir sie kennen. Und dennoch kommen einige live anders, nämlich noch besser rüber. Das trifft für das wunderbare „4 Stunden vor Elbe 1“ ebenso zu, wie für „Draußen hinterm Fenster“ und „Jung und schön“. Das kachelt und schrammelt, dass es eine Freude ist! Eines hat sich verändert über die Jahre der Bühnenerfahrung: Das Nordisch-Lakonische („Vielen Dank!“) ist einer Berliner Geschwätzigkeit gewichen. Da heißt es auf einmal „Ja, herrlich!“ oder „Stark!“ und sogar „Sehr stark!“. Alle stimmen zu, wenn es heißt „Und so ist das.“, und niemand wird ihn nicht befolgen, den warmherzigen Abschiedsgruß „Kein Scheiß machen“. Der Mittelpunkt der Welt: das kann Delmenhorst sein. Heute war es Schwetzingen. Hauptsache: Romantik!

 

 

Playlist:
[01] Straßenbahn des Todes
[02] Und du wartest
[03] Seit der Himmel
[04] Wenn der Winter kommt
[05] Finger weg von meiner Paranoia
[06] Vier Stunden vor Elbe 1
[07] Mehr als sie erlaubt
[08] Jetzt musst du springen
[09] Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei
[10] So wie du
[11] Gelohnt hat es sich nicht
[12] Immer unter Strom
[13] Nur mit dir
[14] Weißes Papier
[15] Weit ist der Weg
[16] Still wird das Echo sein
[17] Delmenhorst
[18] Mittelpunkt der Welt

1. Zugabe
[19] Die letzte U-Bahn geht später
[20] Draußen hinterm Fenster

2. Zugabe
[21] Bring den Vorschlaghammer mit
[22] Blaulicht und Zwielicht

3. Zugabe
[23] Jung und schön

4. Zugabe
[24] Über Nacht

Text: Birgit Spinath
Fotos: Claudia Schöne [ Homepage ]