Cradle of Filth - Deathstars - Incubator .[ Live Music Hall - Köln, 04.12.2006 ]
 

Lang ist’s her, dass ich der „alterwürdigen“ Live Music Hall in Köln einen Besuch abgestattet hatte, aber für einen von nur 4 Deutschland Dates unserer Lieblings Blackies CRADLE OF FILTH war die 2stündige Anreise über holprige Autobahnen natürlich Pflicht. Pünktlich kurz vor 20 Uhr standen wir dann auch inmitten einer Schnittmenge aus Gothics und Metallern, wie vorab auch nicht anders zu erwarten, insbesondere bei DEM Support.

 

Doch die etwas merkwürdigen Herren da oben auf der Bühne konnten definitiv nicht die DEATHSTARS sein. Die Schweden sind zwar auch schräge Vögel, aber sicher keine Kreuzung aus Krabbenfischern und BW-Soldaten. Oder haben sich FEINDFLUG musikalisch umorientiert? Ein Blick auf die Setlist der „maskierten“ Musikanten offenbarte Erstaunliches: INCUBATOR? Die gibt’s noch oder wieder oder warum? Deren Bandgeschichte ist schließlich eine recht bewegte, hier mal die Kurzform. Gegründet 1989 in Oldenburg konnten die Nord- deutschen mit ihrem Frühwerk einige Ausrufezeichen im Bereich „technischer brutaler Death Metal“ setzen. Dann zerstritt sich die Truppe jedoch, wobei es zu einigen unschönen Nachtretereien zwischen Sänger/ Enfant Terrible Chris Mummelthey und Teilen der Instrumentalfraktion kam. Die brachte 2001 unter dem Ursprungs- namen noch ein Doom-Werk namens „Divine Comedy“ heraus, benannten sich dann aber in INC. um und ließen unter diesem Banner eine Scheibe namens „Moribund“ folgen.

 

Währenddessen erklärte sich Teilzeitphilosoph Chris zum SIXTH INCUBATOR, ein recht schräges Projekt, welches er mit Gitarrist Stefan Schunke auch heute noch betreibt. Doch offensichtlich hatte er auch wieder Lust auf Original-Inkubation und stellte folglich wieder ein Team unter dem Namen zusammen, an dem er sich die Rechte gesichert hatte: INCUBATOR! Stellt sich immer noch die Frage, wie man an den begehrten ersten Support Slot dieser Tour geraten ist? Geld, Beziehungen, nostalgische Gefühle bei den Bookern? Jedenfalls ist ihr neues Thema die „kalte Ostseeküste an einem nebligen Morgen“ und dementsprechend fabriziert man dann auch Eastcost Death Metal im Ostfriesennerz. Wobei man musikalisch auf das eigene Frühwerk zurückgriff. Brutaler, technischer Death Metal mit leichten Avantgarde Einflüssen. Wobei man vielleicht sagen muss: Was damals Avantgarde war, ist heute eher anachronistisch. Auf alle Fälle an diesem Abend total fehl am Platze, denn das teilweise gut raus geputzte Publikum war nun ganz und gar nicht an solch derb-dissonanten Klängen interessiert.

 

Chris nahm es erwartungsgemäß gelassen, röhrte wie ein Elch und gab ein paar nette ironische Kommentare ab (z.B. in Richtung Bühnenbepflanzung – „Sind wir hier im Gewächshaus?“). Auf die Frage, wer denn noch ein alter Fan sei, erbarmte sich nur eine junge Dame, die allerdings später zugab, nur aus Mitleid gehandelt zu haben… Die Setlist bestand aus 7 Titeln wie beispielsweise „Nightmares from the Past“ oder „Puppenmord“. (ca. 30 Minuten Spielzeit und bis auf „Prisons of Gore“ alle von der 91er Scheibe „Symphonies of Spiritual Cannibalism“) und hätte so manchem Old School Deather ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert, doch die waren heute anderweitig unterwegs. Einmal allerdings brandete Beifall auf, als Herr Mummelthey nämlich den letzten Song ankündigte, prompt wiederholte er das Statement mehrfach, was noch einmal seine lockere Sicht der Dinge unterstrich. Allerdings sollten INCUBATOR doch lieber ein reinrassiges Death Package supporten, dann könnte man sich verloren gegangenes Terrain wieder zurück erobern!

 

Nach einer kurzen Pause gab es mal wieder was fürs Auge. Diesmal jedoch mehr nach dem Geschmack der zahlreichen Schwarzkittel, denn nachdem der Nebel sich gelichtet hatte, legten die schwedischen „Industrial Metaller“ DEATHSTARS los. Bereits mit dem Opener „The Last Ammunition" hatte Fonter Andreas „Whiplasher Bernadotte" Bergh das Publikum gut im Griff. Angetan mit einer knallenger, sehr, sehr niedrig sitzenden Hose und einer schwarzen Federboa stolzierte er über die Bühne und ließ seine tiefe Stimme erklingen. Unterstützt wurde er dabei von den beiden Gitarreros Emil „Nightmare Industries" Nödtveidt und Eric „Cat Casino" Cat, der erst seit September zur festen Bandbesetzung gehört und vorher "nur" live zum Team zählte. Außerdem agierte Jonas „Skinny" Kangur am Bass und den Backing Vocals, die gerade bei „Synthetic Generation" vom gleich- namigen Debütalbum gut zur Geltung kamen. Schlagzeuger Ole „Bone W Machine" Öhman saß mit seiner Schießbude ein wenig im Abseits, aber letztendlich gehörte die Aufmerksamkeit des Auditoriums

 

in erster Linie eh dem zeigefreudigen Sänger, der bereits beim theatralischen und mit Kirchenorgelklängen unterlegten „New Dead Nation" (ebenfalls vom 2003er Debüt) arg ins Schwitzen gekommen war. Whiplasher spielt ja gern mit sexuellen Anzüglichkeiten, vielleicht hatte er speziell für Köln noch mal einen draufgelegt und sich bei der Begrüßung besonders an die Herren gewandt, Handküsschen verteilt und die vielen gutaussehenden Jungs erwähnt. In jedem Fall war ihm zwischenzeitlich so warm geworden, dass sowohl Jacke als auch Federboa abgelegt wurden, da klappte es dann mit dem Posing auch gleich noch mal so gut. Musikalisch setzte man auf bewährte Sounds mit harten Gitarrenriffs, die von Synthesizerklängen unterstützt wurden, so wie die Skandinavier es lieben und wir sie schätzen.

 

Ein Höhepunkt des Gigs war "Blitzkrieg Boom", das als Singleauskopplung der aktuellen VÖ „Termination Bliss" ganz offensichtlich bestens bekannt war und heftig abgefeiert wurde. Nicht ohne Grund nannte Mr. Bergh die deutschen Fans auch „das sechste Mitglied der DEATHSTARS“. Hierzulande feiern die Schweden ihre größten Erfolge und so war es für ihn auch überhaupt kein Problem, dem Publikum zwischendurch auf kurze Anforderung einen lauten Schrei zu entlocken. Zum Schluss wurde das Schwedenhäppchen noch mal sehr volksnah: Nachdem der letzte Song speziell für den Merch-Guy von CRADLE OF FILTH angekündigt worden war, begab sich Whiplasher in die Menge und verhalf einem Konzertbesucher unbekannten Geschlechts zu dem zweifelhaften Vergnügen, eine schweißtriefende Brustwarze des Frontmanns küssen zu dürfen. Nach 40 Minuten verabschiedeten sich die Düster-Metaller von ihrer begeisterten Zuhörerschaft und hinterließen eine aufgekratzte Meute, die nunmehr dem Headliner entgegenfieberte.

 

Und weiter ging’s im Schweinsgalopp, da konnte man wirklich mal von einem reibungslosen Ablauf sprechen. Noch vor 22Uhr stand das britische Metal Schlachtschiff auf der Bühne bzw. zunächst mal alle außer Dani Filth. Ein wenig verwunderte die Bühnendeko ja doch: 2 Trauerweiden und ein wenig Gestrüpp, insbesondere am Drumkit. Ob damit wohl die Dornen der aktuellen „Thornography“ visualisiert werden sollten? Spannender noch die Frage, wer denn hinter dem Schlagzeug praktizieren würde, war doch Adrian Erlandsson erst kürzlich dem Line Up entschwunden. Der glatzköpfige Herr mit den Sticks hätte von weitem betrachtet durchaus als Urgestein Nick Barker durchgehen können, jedoch handelte es sich in Wahrheit um den Tschechen Martin Škaroupka, den man möglicherweise als Felldrescher von MANTAS her kennt. Er erledigte seine Arbeit unspektakulär aber solide und wurde später auch noch einmal vorgestellt. Dabei handelte es sich um eine der wenigen Ansagen der Insulaner, die ansonsten eher die Musik sprechen ließen.

 

Auch bewegungstechnisch hielt man sich dezent zurück, Dave, Paul und Charles nahmen allenfalls mal neue Positionen ein und bangten routiniert, während Herr Filth für den Showaspekt sorgte. Die agile Mischung aus Robin Hood und Rumpelstilzchen stapfte herum, kletterte nach oben zum Drumkit und lebte die Kompositionen, dass es eine wahre Freude war. Immer wieder erstaunlich, wie er binnen von Sekundenbruchteilen seine verschiedenen Gesangsstile variiert. Ein weiterer Leckerbissen befand sich rechts hinter dem Keyboard, wo eine junge schwarze Dame namens Rosie die Tasten bediente und ihren hübschen Körper ordentlich im Takt wog. Leider konnte man sie vom Fotograben aus nicht richtig erfassen und kurze Zeit später wurden die Herren Kameraleute dann auch schon dezent durch den Hintereingang „abgeführt“. Das führte aber immerhin zur überraschenden Begegnung mit IN EXTREMO Fronter Micha, der unseren Weg kreuzte, diesen breiten musikalischen Horizont hätte ich ihm nicht unbedingt zugetraut, Respekt.

 

Als wir die Music Hall dann wieder durch den Haupteingang betraten, war genügend Zeit, das vampireske Spektakel vom anderen Ende der Location zu beobachten. So ganz endvoll war es überraschenderweise gar nicht, aber so um die 800 Besucher gaben dem Event schon einen sehr guten Rahmen. Mittlerweile hatte sich eine weitere Dame auf der Bühne „breit“ gemacht. Die ebenso optisch wie stimmlich opulente Sarah Jezebel Deva stand links unter dem Bäumchen und steuerte ihre markante Stimme zu einigen Stücken bei, mal gesungen, mal gesprochen. Das hinterließ bei mir insbesondere bei den Klassikern Eindruck, siehe „Dusk and her Embrace“ oder „The Forest whispers my Name“. Aber auch das neue Material („Tonight in Flames“, „I am the Thorn“) kann überzeugen, welches ein wenig mehr auf klassische Heavy Riffs setzt. Freunde von Coverversionen waren die filthigen Gestalten ja schon immer, doch ich war gespannt, wie man ein Pop Original à la „Temptation“ (HEAVEN 17) präsentieren würde.

 

Fett und hart, würde ich mal sagen, ohne die Originalmelodien außer Acht zu lassen. Danach war dann mit „Under Huntress Moon“ aber auch schon Schluss für den regulären Teil. Die Zugaben folgten natürlich auf dem Fuße, während draußen schon einige Fans auf ein eher persönliches Treffen mit ihren Lieblingen warteten.

 

Kurzum ein perfekt durchgezogener Abend ohne lange Wartezeiten mit einem ziemlich abgedrehten Opener, einem androgynen Mittelteil und einem bombastisch-brutalen Ende. Licht und Sound steigerten sich erwartungsgemäß von Act zu Act, so dass CRADLE OF FILTH am Ende mal wieder eindrucksvoll beweisen konnten, warum sie die Meister der dunkel-düsteren Inszenierung genannt werden. Vom Publikum hätte ich mir allerdings etwas mehr Enthusiasmus gewünscht, viele verharrten doch in ehrfürchtiger Betrachtung, wohl um ihr Styling nicht in Gefahr zu bringen…

 
Text: Ulrike Meyer-Potthoff, Karsten Thurau, Tobias Burk
Bilder: Sandro Griesbach

Cradle of Fitlh: Galerie I