AND ONE -One Man Show!- / [ Batschkapp, Frankfurt(M) 19.11.2006 ]
 

Nachdem AND ONE 1993 in Frankfurt im Negativ vor 47 zahlenden Gästen gespielt hatten, beschloss Steve Naghavi, dieser Stadt 10 Jahre Zeit zu geben sich zu besinnen. Zur Strafe sind es dann 13 geworden und diese harte Gangart zeigt Wirkung: Die rund 800-Menschen-fassende Batschkapp ist brechend voll. Bei der Vorstellungsrunde stellt sich aber heraus, dass die überwiegende Mehrheit aus Außerhalb kommt und wir uns weiter Sorgen um Frankfurt machen müssen. Außerhalb jedenfalls liegt an diesem Abend AND ONE zu Füßen.

 

Vorher werden auch die beiden Vorgruppen sehr herzlich empfangen. Obscenity Trial ist ein Newcomer mit großen Ambitionen, denen mit „Here and Now“ ein beachtlicher erster Wurf gelungen ist. Man merkt Oliver Wand die Bühnenerfahrung deutlich an und darf gespannt sein, wie sich diese Karriere weiter entwickelt. Dass als nächstes Cephalgy statt Spetsnaz zu hören sind, ist dem Umstand geschuldet, dass sich die Kampftruppe verkämpft hat. Auf so einer Tour merkt man halt erst, dass der andere die Zahnpastatube nie zudreht, und zieht dann die Konsequenzen. Bei dem auch optisch ganz interessanten Auftritt von Cephalgy hat man nicht den Eindruck, dass etwas fehlt. Für Steve Naghavi wünscht man sich eine weitläufige Bühne mit weiß ausgeleuchteter Showtreppe, die er dann swingend herab schreiten kann. Leider herrscht in der Batschkapp Raumnot, so dass entweder die zwei Meter großen orange-farbenen Buchstaben AND ONE auf der Bühne Platz haben oder die Musiker. Daher heute kein Schriftzug und erst recht keine Showtreppe.

 

Eine exzellente Show gibt es trotzdem. Steve hat alle Qualitäten eines Entertainers und hebt sich auf allen Ebenen von sehr viel Elendem ab, was sich auf den Bühnen dieser Welt abspielt. Wo andere es mit allen Mitteln der Technik nicht schaffen, live einen richtigen Ton zu treffen, da stellt sich Steve einfach so hin, ohne In-Ear, und singt mit sonorer Stimme melodiöse Hymnen („Speicherbar“, „Get you closer“) und aggressives Techno („Panzermensch“, „Technoman“) im Wechsel. Dazu gibt es, je nachdem, absolut sehenswerte Tanzeinlagen oder ein schwer auf die Kondition gehendes Hin- und Hergerenne mit Chris, was aber alles dem Gesang keinen Abbruch tut. Das ist nicht ganz geheuer. Noch ein Beleg für Genialität wird an diesem Abend präsentiert: Timekiller! Da fragt das auch nicht ganz unerfolgreiche Project Pitchfork nach einem Remix dieses Clubhits und anstatt ein bisschen brav die Tracks neu anzuordnen, singt Steve mal flott alles neu ein und produziert einen derartigen Megaknaller, dass Peter Spilles sich bestimmt sehr darüber gefreut hat.

 

An diesem Abend werden mal eben 37 Lieder aneinander gereiht (vielleicht waren es auch mehr, zwischen- durch hat mich das Tempo abgehängt), und dabei wurde so was wie Sternradio und Sitata Tirulala noch gar nicht gespielt. Songs wie „Life isn’t easy in Germany“, „Loser“, „Driving with my darling“ werden im Stil eines Medley zusammengezogen. Es reichen die jeweils ersten Takte, um das Mikro ins Publikum zu halten und sich den Text aus der Menge zu holen. Und zu unserem Erstaunen können wir auch die Texte von „Movie Star“ (Harpo), „The Walk“ (The Cure) und sogar „Together forever“ (Rick Astley). Wir beobachten uns dabei, wie wir Stock Aitken Waterman-Songs mitsingen, und es setzt sich die Erkenntnis durch, dass Musik und Text wahrscheinlich ziemlich egal sind. Die Menge ist verführbar und Steve führt uns ganz nah an Abgründe heran. Dieses Spiel mit den falschen Attitüden taucht immer wieder auf. Jetzt mal aus dem Zusammenhang gerissen: da grölt ein Chor „Sei stolz, Deutscher sei stolz“.

 

Ist schon irgendwie erklärungsbedürftig, wenn man mal drüber nachdenkt, oder? Gut, dass der Steve nur Spaß macht. „Even if it means a deal with the devil“. Nein, Steve hat ganz bestimmt kein Problem mit Erfolg. Er steht da oben und genießt es, dass die Menge ihm aus der Hand frisst. Warum hat dieser Mann keine Samstagabendshow? Wahrscheinlich deshalb, weil wir ein bisschen Angst davor haben, was für Spiele er sich für uns ausdenken könnte.

 
Text: Birgit Spinath
Bilder: Sandro Griesbach
 
 

Obscenity Trial: Galerie III

Cephalgy: Galerie III

And One: Galerie III

And One: Galerie III

And One: Galerie III

Setlist And One (ohne Gewähr)

01. Dein Ende
02. Stand the Pain
03. Military Fashion Show
04. High
05. Schwarz
06. Enjoy the Unknown
07. Timekiller
08. Metalhammer
09. Sometimes
10. Panzermensch
11. Exit
12. The Walk
13. Deutschmaschine
14. Consequence of Time
15. Fernsehapparat
16. Strafbomber
17. Take Some More
18. Krieger
19. Speicherbar
20. Wasted
21. Bodynerv
22. Traumfrau
23. Steine sind Steine

1. Zugabe
24. Recover you
25. Together Forever
26. Medley (So klingt Liebe, Life isn’t easy in Germany, Loser, Driving with my darling, Movie star, Sweety sweety)

2. Zugabe
27. Body Company
28. Für
29. Get you Closer
30. Technoman
31. Schmerzengel
32. Klaus + Pimmelmann (acapella)