Interview mit Sänger Micha „das letzte Einhorn“ Rhein von In Extremo, 20.05.09 Ruhrcongress Bochum...[ face2face ]
 

Im letzten Jahr waren In Extremo mit ihrer Sängerkriegtour unterwegs durch die Konzerthallen der Nation [ wir berichteten ]. Passend dazu erschien vor wenigen Tagen ihre dritte Live-DVD "Am goldenen Rhein" [ review ] mit den Bildern zum Kölner Konzert. Nun steht der zweite Teil der Tour auf dem Programm und unser Redakteur Carsten Terres nutzte die Gelegenheit beim Auftritt der sieben Spielleute in Bochum mit Sänger Micha Rhein über die DVD, die Tour, sowie die bevorstehende Asienreise zu sprechen.

 

Carsten: „Erst einmal Gratulation zu eurer Live DVD „Am goldenen Rhein“. Warum sollte man sich gerade diese DVD kaufen?“
Micha: „Ja weil sie ganz einfach geil ist!“ (lacht) „Es ist letztendlich die DVD zur Sängerkriegtour und ich denke ab September hat es sich ausgesängert mit der Tour und die DVD ist einfach ein guter Abschnitt als bleibende Erinnerung für so eine Tour. Wir haben jetzt ganze vier Jahre keine DVD mehr gemacht und nach vier Jahren finde ich, kann man doch mal wieder eine machen.“

Carsten: „Ihr habt eure beiden letzten DVDs jeweils an verschiedenen Orten aufgenommen. Die erste auf einigen Festivals, die zweite dann in Berlin und „Am goldenen Rhein“ jetzt Köln. Gibt es da Kriterien nach denen ihr den Ort auswählt?“
Micha: „Berlin war für uns damals klar. Köln ist einfach deswegen gewählt worden, da die Produktionsfirma aus Köln kommt und das Palladium ein guter Saal ist und wenn du eine Produktionsfirma mit Bussen und Tracks mitschleppst von Köln nach Hamburg wäre das sehr albern und natürlich auch ein enorm hoher Kostenfaktor.“

 

Carsten: „Da dies ja bereits eure dritte live DVD ist, was unterscheidet sie deiner Meinung nach von den Vorgängern?“
Micha: „Wir haben alle ein paar mehr Falten in der Fresse!“ (lacht lautstark) – „Es sind stellenweise ein paar andere Songs drauf und der letztendliche Grund für die DVD ist einfach das neue Material. Wir haben ein völlig neues Bühnenbild. Wir haben keine Kosten und Mühen gespart, wirst du sehen wenn du die Bühne heute siehst!“

Carsten: „Ist es der selbe Aufbau wie in Köln?“
Micha: „Außer dem großen Vorhang, der ist hier aus irgendwelchen Gründen leider nicht möglich.“

Carsten: „Viele Bands aus der Szene haben zuletzt eine Akustik- DVD produziert könnt ihr euch so was für euch auch vorstellen?“
Micha: „Wir machen im Dezember eine Akustik-Tour! Das ist amtlich, ich kann es jetzt hier auch offiziell sagen. Wir hatten da ne Menge Arbeit. Wir müssen die ganzen Songs umkrempeln usw.“

Carsten: „Habt ihr alles neu arrangiert für die Tour?“
Micha: „Ja klar. Aber selbst wenn du die Songs eins zu eins spielen würdest musst du anders singen und auch spielen. Das ist halt was ganz anderes, ich habe das vorher nicht geglaubt und zwischendurch gedacht, das gibt es überhaupt nicht.“

Carsten: „Wird es dann auch wieder einen passenden Tonträger geben?“
Micha: „Das muss nicht sein, aber wir werden es auf alle Fälle festhalten. Aber ob das dann rauskommt wissen wir noch nicht, denn wir machen 2010 nichts als an der neuen Platte zu arbeiten und werden vielleicht zwei, drei Konzerte in Deutschland oder im Ausland spielen.“

Carsten: „Wie man auf der DVD gut sehen kann, gibt es bei euch immer eine bombastische Pyroshow, gab es denn schon einmal ernsthafte Verletzungen dadurch?“
Micha: „Das gab es schon einige Male. In Köln hatte ich auch den Arm verbunden, weil ich von oben bis unten verbrannt war, aber das war auch meine eigene Schuld. Wir haben vor der Tour in Holland, Belgien, Frankreich und Spanien gespielt, aber halt ohne Pyrotechnik. Der erste Tag war in Zürich mit einer großen Produktion und ich habe einfach geschlafen und dann bamm kam es schon! Das war schon nicht ohne!“

Carsten: „Ich habe gelesen, dass du bei der Produktion der Sängerkrieg alle Fäden in deiner Hand gehalten hast. Ist dies bei einer DVD-Produktion ähnlich oder muss man sich dort mehr auf die Filmfirma verlassen?“
Micha: „Ja natürlich. Wir haben ja Leute mit denen wir gut klarkommen. Wir suchen uns für so was ja keinen Partner die den Arsch offen haben! (lacht) Wir sagen da schon unsere Meinung, wie wir es haben wollen und bei einer solchen Produktion sollte man einfach auch nicht am falschen Ende sparen!“

 

Carsten: „Heute ist hier in Bochum euer Tourauftakt für die Sängerkriegtour 2009. Bist du noch nervös?“
Micha: „Wir haben dieses Jahr vor der Tour in allerersten Linie in Spanien gespielt und wir springen heute Abend richtig ins kalte Wasser. Ich bin auch immer aufgeregt und habe Lampenfieber. Das ist auch gut so!“

Carsten: „Ihr werdet am 18.06. in Shenyang in China auftreten. Ist dies eure erste Reise dorthin und was erwartet ihr vom chinesischen Publikum?“
Micha: „Ja! Wir waren schon überall auf der Welt nur in China waren wir noch nie. Es ist uns dort auch noch eine zweite Show bestätigt worden und wir sind schon richtig gespannt darauf. Pflaumenwein und Reis essen sagen ich da nur! Wir haben dort nicht gerade wenig Platten verkauft und sind recht bekannt, es gibt viele Resonanzen. Das ganze ist ein großes Festival und wir lassen uns überraschen. Ich freue mich einfach hinzufahren. Das ist doch ein Traum, wer möchte da mal nicht im Urlaub hinfahren und dann auch noch dort zu spielen, ist doch einfach der Hammer.“

Carsten: „Du sagtest ja gerade schon, dass ihr schon in sehr vielen verschiedenen Ländern gespielt habt, gibt es ein ganz besonderes Erlebnis von dem du uns berichten kannst?“
Micha: „In Mexiko haben wir viel mit den Chili Peppers rum gehangen, das war richtig klasse. Aber ansonsten ist jedes Land und jedes Konzert etwas anderes und besonderes. Chile war auch der Hammer.“

Carsten: „Was war dort?“
Micha: „Wir kamen völlig übermüdet aus dem Flughafen raus und die ganzen Fans haben uns am Flughafen mit Fähnchen empfangen. Ich habe mir nur gedacht: Was ist den hier los. Das war echt verrückt.“

Carsten: „Wirst du dort eher erkannt, wenn du über die Straße läufst?“
Micha: „Man wird schon erkannt und das ist doch auch völlig normal. Ich kenne Leute die sagen: Ich kann gar nicht mehr auf die Straße gehen und hier und da. Doch das sind meist Leute, die nur drei Platten verkauft haben, aber man sollte nie vergessen, dass eine Band ohne ihre Fans nichts ist. Wenn dich einer was ganz normal fragt, gibst du ihm halt ganz normal ne Antwort.“

 

Carsten: „Im Sommer spielt ihr erneut eine ganze Reihe Festivals, was ist für euch das besondere daran?“
Micha: „Die Abwechslung – ich freue mich schon sehr auf die Sommer, da sind wir Headliner auf dem Novarock vor 50.000 – 60.000 Menschen. Wacken wird bestimmt auch geil. Wir haben einen schönen Sommer, wenn das Wetter mitspielt. Wir spielen auch noch Support für Metallica auf dem Sonispehere Festival [ preview ], das ist auch klasse, da wir die Band bereits kennen. Wir hatten schon auf dem Dynamo Festival mit denen zusammen gespielt. Backstage sind Metallica halt auch ganz normal und kochen nur mit Wasser.“

Carsten: „Könnt ihr euch auch vorstellen als Kontrast zu einem großen Festival noch mal auf einem Mittelaltermarkt aufzutreten?“
Micha: „Mit In Extremo ist das nicht mehr möglich. Wir haben das einmal probiert. Wir wollten das unter einem anderen Namen machen, doch der Veranstalter hat In Extremo als Rockband ausgehangen. Das war in Wuppertal auf der Waldbühne. Dann standen da über dreitausend Mann und wir waren zu dritt mit Trommel und Dudelsack und wir mussten den Veranstalter retten, damit die den nicht lynchen. So was macht man einfach nicht. Aber wenn es geht, spielen wir einfach mal so. Wir haben neulich einfach mal mit einer Mittelalterband zusammen gespielt, dann ist das gar kein Problem.“

Carsten: „Auf dem Sängerkriegalbum habt ihr ein Lied auf Spanisch, daneben habt ihr Lieder auf Latein und älteren Sprachen bei den traditionellen Texten. Gibt es eine weitere Sprache, die ihr gerne einmal musikalisch Umsetzen möchtet?“
Micha: „Das ist ganz komisch: Isländisch! Wir haben auch schon mal zwei Stücke in der Sprache gemacht und irgendwie brauchte ich die kaum zu lernen. Das kam einfach so. Ich habe keine Ahnung warum. Dieses spanische Lied war ursprünglich auch ein deutsches Lied. Mein Sohn, der in Spanien lebt hat das ganze übersetzt und es klang einfach besser, genau wie bei Liam. Das war auch zuerst auf deutsch, doch wir haben das dann mit Ray Garveys Mutter, [ Anmerk.: Ray Garvey ist der Sänger und Frontmann von Reamonn ] die noch gälisch kann am Telefon übersetzt und die Aussprache geübt, das war einfach köstlich.“

Carsten: „Gibt es denn auch andere Künstler mit denen du mal einen Song zusammen machen möchtest?“
Micha: „Ich habe einen Traum. Ich möchte in der Essener Grugahalle spielen und dann von Alan Bangs [ Anmerk der Redaktion: In den 80ern Moderator von Rockpalast ] angesagt werden. Vielleicht kann das ja jemand organisieren, der das hier liest!“

Carsten: „Wer weiß vielleicht liest er das ja hier! Gibt es für dich musikalische Vorbilder?“
Micha: „Ich bin natürlich mit Led Zeppelin und Ton, Steine, Scherben groß geworden. Aber ich höre sehr viel Musik. Ich bin totaler Reggae-Fan. Ich höre aber auch sehr viel arabische Musik, das ist einfach Rootsmusik aus der du noch jede Menge lernen kannst. Damals waren Musikinstrumente einfach zur Unterhaltung da. Oder auch indische Musik ist der Hammer. Wenn ich dann Sprüche höre wie: Wie willst du dir denn solche Scheiße anhören? Merke ich wie dumm die Menschen zum Teil sind. Ich habe natürlich das Glück gehabt durch die Musik in der Welt rum zukommen, das hat mir den Horizont geöffnet und da bin ich sehr dankbar für.“

Carsten: „In wie weit setzt du so was dann auch um?“
Micha: „Bei dem Lied „In diesem Licht“. Dies ist eigentlich ein rein arabisches Stück.“

Carsten: „Viele Teile der mittelalterlichen Musik stammen ja auch aus dem arabischen Raum!“
Micha: „Das ganze musikalische Dasein kam ja auch erst im siebten Jahrhundert aus dem vorderen Orient zu uns. Wir sind hier damals noch mit einem Blatt vorm Sack rum gelaufen. Der Dudelsack wurde ja auch auf den Kreuzzügen hierher geschleppt der kommt ja auch nicht aus Schottland. Die ganze arabische Musik wurde ja geklaut und geraubt und mit hergebracht.“

Carsten: „Genauso wie die Zahlen usw.“
Micha:(lacht) „Eigentlich große Teile unserer Kultur!“

 

Carsten: „Würdest du denn auch aktuelle Instrumente aus dieser Region einbauen?“
Micha: „Warum nicht. Vielleicht finden wir ja was Interessantes in China. Wir werden da ja nicht die Reise im Hotelzimmer verbringen. Vielleicht haben wir ja einen Tag Zeit – ich würde so gerne die chinesische Mauer sehen.“

Carsten: „Als vorletzte Frage wollte ich fragen, ob du dir auch vorstellen kannst außerhalb der Musik künstlerisch tätig zu sein. Du hast eine Gastrolle bei der Schelmish DVD Coetus übernommen, bist du Schauspielerisch ambitioniert oder war dies nur ein Freundschaftsdienst?“
Micha: „Warum nicht, wenn sich da mal was Interessantes ergibt. Innerhalb der Musik möchte ich auf jeden Fall irgendwann mal Chansons singen, so mit einem Piano. Aber das ist noch in weiter Ferne. Da träume ich schon von!“

Carsten: „Hast Du noch ein paar abschließende Worte für unsere Leser?“
Micha: „Ich sage mal: Leben und leben lassen!“

 
Interview geführt von Carsten Terres
Homepage Künstler www.inextremo.de
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