Interview mit Whiplasher von den Deathstars, 09.03.2009, Köln Underground .[ face2face ]
 

Sie haben sich ein wenig Zeit gelassen für ihr drittes Studioalbum, dafür ist „Night Electric Night“ von den Deathstars auch umso lohnenswerter geworden. Seit Januar 2009 steht die neue Platte mittlerweile in den Plattenläden und aktuell sind die Schweden mit den Kollegen von Sonic Syndicate auf gemeinsamer Headliner-Tour unterwegs. Am 9. März statteten die Herren dem Kölner Underground einen Besuch ab. Vor der Show traf Lea Sommerhäuser den Sänger Whiplasher aka Andreas Bergh von den Deathstars zu einem Interview und sprach mit ihm über die neue Platte, die Tour und Frauen.

 

Lea: Du bist nicht das erste Mal hier in Köln, aber an welche kulturellen Dinge dieser Stadt erinnerst du dich?
Whip: Oh ja, vor ein paar Jahren war ich hier während der Hockey-Weltmeisterschaft. Ich denke, das war das erste Mal, dass ich in Köln war. Am Dom und am Fluss ist es sehr nett, aber heute haben wir nicht das beste Wetter, um raus zu gehen. Ich glaube, mit den Deathstars haben wir hier vielleicht schon vier Mal gespielt. Das letzte Mal waren wir zusammen mit Korn hier. Und soweit ich mich erinnern kann, ist Köln eine großartige Stadt für den Deathglam.

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Lea: Bezogen auf euren Tourblog bei myspace scheint es, dass ihr viel Sightseeing macht. Bist du also auch heute ein wenig herumgelaufen?
Whip: Das habe ich schon die letzten Male gemacht und mir den Dom und so weiter angeschaut, aber heute scheint es, als wäre keiner so recht motiviert. Alle sitzen nur herum und hoffen natürlich auf besseres Wetter. Aber ja, normalerweise gehen wir raus in die Städte. Wir sind wirkliche Freaks, was das Sightseeing betrifft.

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Lea: Hast du von der Tragödie gehört, die letzten Dienstag in Köln geschehen ist?
Whip: Nein, was war denn?
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Lea: Das Stadtarchiv und ein paar angrenzende Häuser sind einfach eingestürzt und zwei junge Männer starben. Davon hört man momentan überall in den Nachrichten...
Whip: (überrascht) Nein, davon habe ich nichts gehört. Das tut mir Leid, das zu hören.

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Lea: Aber lass uns zu positiveren Dingen kommen: Ihr habt ein neues Album namens “Night Electric Night” draußen und ihr präsentiert momentan eure neuen Songs auf Tour mit Sonic Syndicate. Wie war die Tour bisher?
Whip: Es war bisher sehr, sehr gut und sogar viel besser, als alle erwarten konnten. Ich meine, beide Bands haben so unterschiedliche Musikstile. Aber ich glaube, das hat sich bisher als lohnenswert herausgestellt, zumal wir sozusagen Anhänger von beiden Bands erreichen können und nicht nur offene Türen einrennen, was du offensichtlich tun solltest, wenn du vor deinen Fans spielst. Hierbei handelt es sich allerdings eher um eine Herausforderung. Aber auf persönlicher Ebene ist die Tour großartig, deshalb hätte ich nichts dagegen, wenn wir mit Sonic Syndicate auch noch fürs restliche Jahr zusammen spielen. Es ist wirklich sehr nett mit ihnen.

 

Lea: Es hat ein wenig länger gedauert, bis euer neues Album veröffentlicht wurde. Seid ihr einfach Perfektionisten oder hat mal wieder der Deathstars-Fluch zugeschlagen?
Whip: Ein wenig von beidem. Natürlich sind wir sehr wählerisch, was das Material betrifft, und wir wollten das Album so gut wie nur möglich machen. Aber ich denke auch, dass es aus praktischen Gründen zu der Verzögerung kam, durch das viele Touren, und auch Tragödien begleiten für gewöhnlich diese Band. Dadurch hat sich das Album sozusagen ein wenig verspätet. Aber wir sind auch selbst ein wenig langsam. Es ist nicht so, dass wir jedes Jahr ein neues Album machen können, aber hoffentlich dauert es beim nächsten Album nicht mehr ganz so lang. Doch versprechen kann ich nichts. Diese Band ist immer von jeder Menge Chaos umgeben.

Lea: “Night Electric Night” ist eine nächtliche Reise durch eine Stadt und enthüllt euer Leben, Erfahrungen und persönliche Probleme. Aber basiert das neue Album auf einem Konzept, stehen die Songs miteinander in Verbindung?
Whip: Nein, wir machen niemals Konzept-Alben. Nur King Diamond kann das sehr gut tun. Aber wir bekommen jede Menge Inspiration von...entschuldige, ich muss mal niesen. Ich bin ein wenig erkältet.

Lea: Oh, oh, das ist aber nicht gut fürs Singen.
Whip: Nein, darum singe ich auch nicht. Ich mache nur “roaaar roaaar”. Nun ja, die Inspiration kommt durch unser Leben und der größte Teil unseres Lebens findet offensichtlich zu Nachtzeiten in den Städten statt. Das hat die Musik sehr beeinflusst. Aber für jeden Song gibt es ein anderes Thema. Aber es geht um diese Art von Aspekt, denke ich, um Lasterhaftigkeit, den Verlust aller Werte und der Unschuld. Auch ist das neue Album ein bisschen offener und nicht ganz so persönlich. Es gibt da eher diese zynische Ironie, sogar stärker als auf den vorherigen Alben. Es existiert richtig schwarzer Humor. Ich denke, das Spektrum ist sehr weit.

Lea: Neben anderen ist auch Nightmare Industries Produzent des neuen Albums. Aber ist es nicht schwierig, ein Album zu produzieren und gleichzeitig Teil der Band zu sein?
Whip: Nein, das denke ich nicht. Natürlich haben wir darüber diskutiert, wie es wäre, einen anderen Produzenten mit einzubeziehen, aber das steht momentan nicht für uns in den Sternen geschrieben, weil wir wissen, was wir wollen. Wir kennen das nicht anders, als so zu arbeiten, wie wir es tun. So wollen wir es auch tun, zumindest eine Zeit lang. Mal sehen, wie das in Zukunft ausschaut. Vielleicht werden wir einen assistierenden Produzenten haben, der Ideen einbringt und so weiter, aber hauptsächlich sind es Nightmare und ich, die im Studio sitzen und produzieren.

Lea: Nightmare hat auch zum Song “Via The End” beigetragen. Wie es für dich diesen Song zu singen, zumal du mit dessen Hintergrund vertraut bist?
Whip: Ja, er schrieb die Musik und ich den Text. Es ist der einzige Song, der wirklich persönlich und sehr ernst ist. Ich hatte Nightmare gefragt, ob er das wirklich tun möchte und den ganzen Weg gehen will. Und er wollte es wirklich, weil er dachte, das sei die einzige Möglichkeit, es ehrlich zu machen. Für uns ist es also ein sehr schwieriger Song und es war sehr speziell, ihn aufzunehmen. Wir liefen den ganzen Tag durch New York und dann beschlossen wir „Hei, lass uns ins Studio gehen“. Wir taten es und nahmen das Lied auf. Wir haben einfach nur den richtigen Stimmungsmoment abgepasst.

Lea: Blitzkrieg, Zeitgeist...wie wäre es beim nächsten Mal mit Schadenfreude oder Kindergarden?
Whip: An dieser Stelle schleicht sich der Humor bei uns ein. Wir haben eine Tendenz all diese deutschen Militär-Begriffe zu lieben, wie es auch jede andere Band tun, die diese Art von strikter Musik spielt. Es ist äußerst wichtig, ein paar deutsche Wörter auf jedem Album zu haben. (lacht)

Lea: Kannst du noch ein bisschen mehr Deutsch?
Whip: Ja, ich habe für sechs Jahre Deutsch gelernt, deshalb verstehe ich grundsätzlich recht viel. Vor ein paar Jahren noch hätten wir dieses Interview auf Deutsch führen können, aber du verlierst eine Sprache, weißt du, wenn du sie nicht regelmäßig benutzt. Jeder in Schweden lernt Deutsch. Du hast die Sprache drei Jahre in der Grundschule und kannst sie danach für weitere drei Jahre wählen, was ich getan habe. Deshalb verstehe ich auch Deutsch.

Lea: Ann Ekberg unterstützt dich auf dem neuen Album mal wieder mit ihrem Backgroundgesang. Aber mit welchem anderen schwedischen Künstler würdest du gern mal eines Tages zusammen arbeiten?
Whip: Oh, da gibt es viele. Über ein paar Leute habe ich im Grunde einfach zu spät nachgedacht, wie zum Bespiel Nicke Borg von den Backyard Babies und so weiter. Seine Stimme würde passen. Es gibt da einige Leute, die ich gerne für das nächste Album verpflichten würde. Ich werde in Zukunft definitiv mehr darüber nachdenken. Es wäre nett, auch ein paar andere Stimmen auf dem Album zu haben, als die ganze Zeit nur meine.

 

Lea: Wie wäre es zum Beispiel mit The Ark, die zumindest die gleiche Leidenschaft für den Glamstyle teilen?
Whip: The Ark, oh ja! Warum sollten wir nicht mal Ola Salo singen lassen? Ich kenne ihn allerdings nicht so gut. Wir haben uns nur ein paar Mal getroffen. Ich glaube nicht, dass es gut gehen würde (lacht) mit unseren unterschiedlichen Musikrichtungen. Ich weiß nicht.

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Lea: Die Deathstars sind die “Könige des Deathglams”. Aber welches Element ist wichtiger für dich – Tod oder Glam?
Whip: Das eine gäbe es nicht ohne das andere. Weißt du, Glam ist eine Art Liebe und exhibitionistische Seite der 80er Bands wie Mötley Crüe und Kiss, mit denen wir aufgewachsen sind. Aber der Tod ist natürlich unser Beginn in Black-Metal-Bands und so weiter. Somit ist es auf der einen Seite der sehr dunkle Kern der Deathstars, womit die Songs gemeint sind, die auf privaten und persönlichen Reflektionen des alltäglichen Lebens aufbauen. Und auf der anderen Seite gehen wir mit Federboas und Glitter auf die Bühne, somit sind beide Dinge als Deathglam vereint.

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Lea: Gehst du mit deinen Federboas auch ins Bett?
Whip: Ja, manchmal tue ich das. Ich habe Tonnen von Federn in meinem Bett und überall Glitter. (grinst) Du würdest nicht länger als eine Sekunde brauchen, um herauszufinden, welche Schlafkoje im Tourbus mir gehört. Sie leuchtet einfach nur. (lacht) Und in der Koje unter mir schläft Cat.

 

Lea: Soso. Ist Whiplasher eher eine Rolle für dich oder dein zweites Ich?
Whip: Nein, das bin natürlich ich. Aber wir benutzen diese Bühnennamen und alles deshalb, weil wir unterhalten wollen. Du weißt doch, so wie Gene Simmons oder Paul Stanley oder Alice Cooper. Die Namen kleben schon seit unserem 14. Lebensjahr an uns. Wir haben heute immer noch die gleichen Namen. Wir sind einfach nur Jungs, die Rockmusik spielen und Spaß haben.

Lea: Wie würdest du den Satz “Musik ist…” vollenden?
Whip: Sie ist ein Fluch und ein Segen. (lacht)

Lea: Googlest du dich manchmal selbst im Internet?
Whip: Ja, manchmal, aber nicht sehr oft. Meist tue ich das wegen der Interviews, weil ich diese lesen möchte, besonders wenn wir jetzt von der Tour nach Hause kommen. Du gibst eine Menge Interviews und dann ist es nett zu sehen, was draus geworden ist, aber ich schaue mir niemals irgendwelche Live-Videos von uns an. Ich gucke auch keine Interview-Videos. Das gibt mir gar nichts. Aber es ist toll, so etwas zu sammeln. Es wäre großartig, wenn man das alles nochmals lesen könnte, wenn man 60 bist.

Lea: Kaufst du auch manchmal Zeitschriften, wo du drin bist?
Whip: Nein, nicht wirklich. Nur die schwedischen Magazine. Doch allein schon für die Promotion eines Albums wie „Night Electric Night“ gibst du rund 300 Interviews für jede Menge Zeitschriften. Es ist unmöglich, alle zu sammeln. Es wäre nett, wenn man mir alles zuschicken könnte. (grinst) Dann würde ich alle in einem Sarg oder wo auch immer sammeln.

Lea: Ihr habt bereits einige Videos gedreht. Hast du einen Favoriten?
Whip: Ja, ich mag das letzte Video am meisten, weil es diesen Vibe hat, den ich wirklich haben wollte. Aber ich möchte wirklich noch ein paar mehr Videos machen, für die mehr Zeit zum Nachdenken, wie alles aussehen soll, zur Verfügung steht, anstatt dass alles an zwei Tagen gedreht werden muss. Das bedeutet nur Stress.

Lea: Wenn es auf dieser Welt keine Frauen geben würde, wie sähen eure Videos und Songtexte aus?
Whip: Oh, die würden natürlich nicht einmal existieren. Das Beste am Leben ist, wenn man ein Junge ist, schon allein wegen all den Mädchen und für uns machen sie das Hauptpublikum aus. In der Menge sind hauptsächlich Mädchen und wir werden immer als Pinup-Band bezeichnet und so weiter, was wir vermutlich auch sind. Aber ja, Frauen sind sehr wichtig für uns. (grinst)

Lea: Aber ich habe gelesen, dass du auch schon einen Heiratsantrag von einem Mann bekommen hast...
Whip: Ja, es gibt viele schwule Leute, die die Deathstars schätzen, und wir lieben das. Das ist sehr spaßig. Wir spielen beim Pride-Festival und so weiter vor 10.000 Schwulen und das ist fantastisch, glaube ich. Aber Menschen denken bei dieser Art von Musik schnell an heavy Musik, die konservativ ist, und das sind wir definitiv nicht. Für uns ist es nichts, diesen Metal-Stereotypen zu haben, wie er oftmals in der Metalszene anzutreffen ist. Aber ja, wenn ein Schwuler im Hochzeitskleid auf die Bühne kommt und mich fragt, ob ich ihn heiraten möchte, dann werde ich natürlich „ja“ sagen. (Gelächter)

Lea: Was sind deine Schwächen und schlechten Angewohnheiten?
Whip: Oh, ich habe Tonnen von Schwächen und Tonnen von schlechten Angewohnheiten, darum ist die Frage schwer zu beantworten. Ich tue mich zum Beispiel schwer damit, zu entspannen. Ich bin die ganze Zeit sehr hyperaktiv. Ich nehme mir keine Zeit, mich wirklich mal hinzusetzen und über Dinge nachzudenken und auszuarbeiten. Das beeinflusst das, was ich tue. Weißt du, du suchst eben immer nach irgendwelchen Kicks und willst die ganze Zeit etwas fühlen. Das ist natürlich nicht gut.

Lea: Deathstars beim Eurovision! Möglich oder nicht?
Whip: Absolut nicht. (Gelächter) Oh nein, wir machen keinen Schlager-Metal. Das überlassen wir Pain oder so.

 

Lea: Hast du Lordi beim Eurovision gesehen?
Whip: Ja, aber ich vergleiche uns nicht mit Lordi. Nein, nein, definitiv nicht. Aber ich mag den Glamanteil bei diesem Wettbewerb. Eigentlich möchte ich nicht, dass die Deathstars im schwedischen Live-Fernsehen auftauchen. Wir könnten niemals so etwas tun, wie am Eurovision teilzunehmen, weil es sich für uns einfach nicht hundert Prozent gut anfühlt. Aber es ist interessant zu sehen, dass Bands dort teilnehmen. Ich glaube nicht, dass wir die richtige Musik dafür spielen.

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Lea: Früher hast du als Journalist gearbeitet, zum Beispiel auch für Big Brother in Schweden. Würdest du jemals ins Big-Brother-Haus einziehen und dort für eine Weile bleiben?
Whip: (trinkt einen Schluck Cola) Nein, das würde ich niemals tun. Ich habe produziert und war Chefredakteur bei Big Brother in Schweden für drei Jahre. Ich habe Respekt vor den Leuten, die in so ein Haus gehen. Das ist eine bestimmte Gruppe von Menschen, die so etwas macht, aber ich würde es noch nicht einmal für 24 Stunden darin aushalten. Dafür bin ich die falsche Person. Ich würde an den Wänden hochklettern. Ich kann nicht einfach nur rumsitzen und nichts tun. Auch wenn ich viele Reality-Shows produziert habe, würde ich niemals selbst an einer teilnehmen.

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Lea: Was können wir von der Show heute Abend erwarten?
Whip: Es gibt einfach nur Action und Rock, vermute ich. Der Veranstaltungsort ist hier sehr klein. Es ist der kleinste Club auf der gesamten Tour, was wiederum sehr interessant ist, da du dieses einzigartige Club-Feeling bekommst. Aber die Show wird vorantreiben. Es wird viel Energie geben.

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Lea: Bevorzugst du größere Bühnen?
Whip: Ja, ich glaube, dass größere Bühnen für uns besser sind. Dahin gehören wir. (grinst) Wir alle in der Band fühlen uns auf größeren Bühnen viel wohler. Ich sage nicht, dass wir uns in kleinen Clubs deshalb nicht wohl fühlen würden, aber irgendwie lohnen sich größere Bühnen für uns mehr. Wir haben einfach diesen bombastischen Sound. Ja, das sind zwei sehr verschiedene Dinge, aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich eine große Bühne wählen.

 
Interview geführt von Lea Sommerhäuser .[ face2face ]
Homepage Künstler www.deathstars.net