Interview mit Stephan Groth [ Apoptygma Berzerk ], 12.02.2009 in Köln, Live Music Hall .[ face2face ]
 

Im letzten Interview [ hier ] mit Stephan vor 8Wochen sprachen wir noch über die erste Single-Auskopplung vom neuen Album „Rocket Science“ und das Video zu „Apollo“. Jetzt ist das neue Album der norwegischen Band endlich draußen und die Herren beglücken uns dieser Tage wieder live on stage. Am 12. Februar 2009 statteten Apop auch wieder der Kölner Live Music Hall einen Besuch ab. Nach der Show trafen wir Sänger Stephan zu einem Interview.

 

Lea: Ihr seid mit eurem neuen Album “Rocket Science“ auf Tour und habt gerade hier in der Kölner Live Music Hall gespielt, was wiederum eine ganz besondere Show war, weil viele Kameras ihren Einsatz fanden. Was hat das zu bedeuten?
Stephan: Wir nehmen eine DVD auf und haben bereits sehr früh heute Morgen damit begonnen. Die ganze Lichttechnik und das Video-Team rückten an. Wir begannen also gegen 9 Uhr heute Morgen und das Konzert gestern, ich meine, gepackt hatten wir erst um 3 Uhr heute Morgen. Was ich damit sagen will, wir hatten nicht viel Schlaf. Heute haben wir dann zunächst eine Show gespielt, dann gab es eine Pause und The Anix sind los auf die Bühne und dann haben wir ein weiteres Konzert gegeben. Das landet dann auf einer DVD, einer „Rocket Science Tour“-DVD, die später in diesem Jahr rauskommt. Es war wirklich cool, dass wir hier in Köln drehen konnten. Zunächst einmal verbindet uns eine lange Geschichte mit Köln, da wir hier schon so oft gespielt haben. Und allein hier in dieser Halle haben wir vielleicht vier mal gespielt und es tut immer gut, hier zu sein. Köln ist eine tolle Stadt und das Publikum war großartig. Die Show hat uns somit wirklich Spaß gemacht und es hat einfach gerockt.

A

Lea: Steht für die Veröffentlichung der DVD bereits ein Datum fest?
Stephan: Nein, eigentlich haben wir erst vor wenigen Tagen mit der Arbeit daran begonnen und haben alles gebucht. Darum war es heute auch so stressig. Auf dieser Tour spielen wir rund 10 Konzerte und die fallen alle besser aus, als wir dachten. Darum haben wir uns dazu entschlossen, eine DVD zu machen.

A

Lea: Bist du mit dem Feedback zum neuen Album soweit zufrieden?
Stephan: Das ist ziemlich witzig, da ich mich selbst zwar nicht als Prophet oder so bezeichne, aber ich bis aufs kleinste Detail vorhergesehen habe, wie das Feedback aussehen wird. Und als wir alle Songs zusammengestellt hatten, habe ich zum ersten Mal gesagt – wir veröffentlichen über die Jahre verschiedene Alben – und zum ersten Mal sagte ich, dass...(plötzlich kommt Frederik/Schlagzeug rein und will Stephan eine Cola bringen, obwohl er bereits eine hat) Ahh, noch eine!
Frederik: Du hast schon eine?

 

Stephan: Ja! (spricht ein paar Worte auf Norwegisch mit Frederik, wendet sich dann wieder dem Interview zu) Ich habe bis aufs kleinste Detail vorhergesagt, dass es ein Album sein wird, das du entweder liebst oder total hasst. Und ich lag genau richtig. Nun ja, ich weiß nicht, wie es jetzt ist, aber ich bin auf Amazon gegangen, weil du dort Sterne verteilen kannst. Die Hälfte der Leute hat einen Stern gegeben, den „Scheiße“-Stern, weißt du (grinst), und die andere Hälfte hat fünf Sterne gegeben. Es gab keine zwei, drei oder vier. Nur fünf oder nur einen. Genau das habe ich der Plattenfirma gesagt, dass ich einfach das Gefühl hatte, dies würde geschehen. Um das Album zu verstehen und um es zu lieben, musst du dich hinsetzen und es mögen wollen. (der Tourmanager kommt rein und gibt Stephan Zigaretten) Ahh, danke! (zündet sich eine Zigarette an) Es ist also kein einfaches Album, sagen wir es so. Der Inhalt ist sehr schwer und nicht gerade erfreulich, aber dafür ist es bei weitem eines der interessantesten Alben. Seit ich 15 bin, sammle ich CDs und habe somit eine Menge. Das neue Album ist einfach so interessant, denn wenn du willst und die Zeit dazu hast, kannst du dich hinsetzen und es ein Jahr lang studieren. Das ist mehr als du über die meisten Platten, die heutzutage rauskommen, sagen kannst. Die gesamte Alben-Tradition wurde zerstört. Es gibt keine Zeit mehr, um Alben anzuhören. Es gibt keine Zeit, um Bücher zu lesen und keine Zeit, um überhaupt irgendwas zu tun, abgesehen davon beim Mc Donalds zu essen und Britney Spears und Jackass auf MTV zu gucken. Das ist das einzige, wozu die Menschen noch Zeit haben. Ich versuche dagegen anzugehen und ein Album herauszubringen, das pure Qualität besitzt und der Welt sagen will „Wir brauchen diesen Mc Donalds-Mist nicht! Wir haben großartige Künste!“. Aber die Kinder, die heutzutage aufwachsen, wie meine jüngeren Brüder, die haben noch nicht mal mehr Alben. Sie haben mp3s, weißt du. Aber zurück zu deiner Frage, sorry: Das Feedback überrascht mich keinesfalls. Ich habe nichts Negatives über die Songs gelesen, nichts Negatives über das Artwork, nichts Negatives über die Songtexte, noch irgendwas Negatives über die Melodien...

 

Lea: Dann solltest du doch eigentlich zufrieden sein…
Stephan: Nein, weil es jede Menge negatives Feedback zum Style gab und das ist eben, was die Leute beunruhigt. Gibt es genug Metal oder Gothic oder Synthie Pop oder Punk oder Electro oder genug Bullshit...das ist ganz egal! Das ist total egal! Die Welt geht den Bach hinunter, die gesamte Wirtschaft geht den Bach runter und wir sitzen hier und verschwenden die Zeit mit Diskussionen darüber, ob in der Musik genug Electro oder genug Gothic enthalten ist. Nun, die Menschen können machen, was sie wollen, aber ich habe da keine Zeit für. Du bringst also etwas raus, was Wert hat und gut ist oder eben nicht. Den ganzen Genre-Mist...vergiss ihn!

 

Lea: Du hast viel Zeit in das Album gesteckt und es ist wirklich detailliert. Für mich sieht es so aus, als seiest du ein ziemlicher Perfektionist. Worin siehst du die Vor- und Nachteile ein Perfektionist zu sein?
Stephan: Der größte Nachteil ist der, dass es nicht in die heutige Welt passt, ein Perfektionist zu sein. Ich verbringe viel Zeit damit ein Produkt zu kreieren, für das kein Mensch Zeit hat, es zu genießen. Kommerziell ist es ein großer Nachteil, weißt du, wenn du eine Platte verkaufen und die Menschen von heute erfreuen willst. Ich bin mir sicher, wenn wir eine Art Jackass-Soundtrack machen würden, wären wir Millionäre und hey ho, let`s go, weißt du. Aber das ist nicht das, was wir wollen! Wir wollen ein Qualitätsprodukt auf den Markt bringen, das auch Hirn beinhaltet, weil wir grundsätzlich eigentlich Pop-Musik machen. Das ist das, was wir immer machen – sehr kommerzielle Pop-Musik. Aber über die Jahre hinweg wurde die Pop-Musik durch all den Mist zerstört, den es jetzt da draußen gibt. In den 80ern war Pop-Musik gar nicht mal so schlecht. Es gab The Cure und Depeche Mode in den Charts. Für die 70er interessiere ich mich nicht so, aber auch in den 60ern gab es musikalische Qualitäten. Pop-Musik war nicht hirntot. Schalte heutzutage mal MTV an! Oh meine Liebe, es ist wie...ich meine, come on! Was geht da vor sich? In den Videos siehst du nur nackte Frauen mit großen Brüsten, die im Badeanzug um den Pool tanzen. Das ist Mist und es geht nur um Sex. Hit me baby one more time! Und dann hast du all die 10- bis 12-jährigen Mädchen, die im Wohnzimmer besonders sexy tanzen. Was zum Teufel soll das? Verdammt!

 

Lea: Bist du auch im täglichen Leben ein Perfektionist, zum Beispiel bei der Hausarbeit?
Stephan: Ja, (grinst) wenn ich Staub sauge, gehe ich jedem damit auf die Nerven. Normalerweise braucht man in meinem Wohnzimmer nur fünf Minuten dazu, aber ich nehme mir 20 Minuten Zeit, damit es nachher sehr, sehr sauber ist. Und wenn ich dusche, brauche ich auch viel Zeit.

 

Lea: Singst du unter der Dusche?
Stephan: Ich weiß es nicht. Vielleicht ein bisschen, oh, vielleicht auch nicht, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, mich richtig zu waschen und die richtigen Seifen zu benutzen. Aber nein, ehrlich gesagt geht es den Menschen auf die Nerven, weil ich immer zu lange für alles brauche. Ich denke, so ist das auch, wenn ich koche. Natürlich mag ich es auch, einfach mal eine gefrorene Pizza in die Mikrowelle zu schieben, wenn es schnell gehen soll. (lacht) Ich bin also nicht Geisteskrank, oder so. Aber besonders wenn es ums Kochen geht: Nehmen wir den heutigen Tag als Beispiel, das Essen hier in der Halle ist fantastisch! Wir freuen uns jedes Mal darauf, hierher zu kommen, weil dieser Ort berühmt für sein gutes Essen ist. Alle Bands sagen immer „Ah, Morgen gibt es endlich gutes Essen!“. Die Küche hier ist wirklich gut und hat wirklich gute Chefs. Wenn du dein ganzes Herz ins Kochen steckst, braucht es vielleicht mehr Zeit, aber dafür kochst du mit Herz und versuchst die Menschen, die hierher kommen, zu erfreuen. Es wird also Liebe in die Arbeit gesteckt und das ist einfach so viel mehr wert. Das ist toll und ich mag das. Du kannst das einfach schmecken, ob das Essen richtig gekocht wurde und ob sie Liebe und Müh hineingesteckt haben.

 

Lea: Aber nun zurück zum Album: Nicht nur Ida Helen Fjeld singt darauf Backing Vocals, sondern diesmal auch Amanda Palmer bei einem Song. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?
Stephan: Kennst du die Dresden Dolls? Das ist eine meiner Lieblingsbands. Sie ist so fantastisch, so originell, großartige Musiker und Songschreiber. Ich bin ein großer Amanda Palmer-Fan und auch Fan von ihrem Solo-Zeugs, was sie rausbringt. Im Grunde hatte mein Management die Idee, sie mit aufs Album zu bringen, denn als ich den Song „Black vs. White“ fertig geschrieben hatte, habe ich ihn an die Plattenfirma geschickt und gesagt, dass ich ihn als letzten Song auf dem Album haben will. Sie mochten den Song und nach ein paar Tagen rief mich Markus, mein Manager, an und sagte, dass wir noch etwas mit dem Song machen müssten. Er wollte ein Duett draus machen. Dann hatte er die brillante Idee Amanda Palmer zu fragen, aber ich sagte erst einmal „nein“, weil sie für mich eine wirklich große Heldin ist, weißt du, und ich dachte einfach nur „Wenn sie `nein` sagt, dann sterbe ich!“. Deshalb meinte ich zu meinem Manager, du kannst es nicht tun. Aber er hat es dennoch getan.

 

Lea: Ohne, dass du es wusstest?
Stephan: Ja, und am nächsten Tag habe ich dann meine Emails gelesen und hatte eine persönliche Nachricht von Amanda Palmer im Postfach und darin stand “Oh Stephan, ich liebe den Song. Er will mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ich würde sehr gerne mit dir singen!“ und ich war so extrem glücklich. Es ist fantastisch einen deiner Helden auf der Platte zu haben. So ist es also dazu gekommen.

 

Lea: Mit welchem anderen norwegischen Künstler würdest du gerne mal eines Tages ein Duett singen?
Stephan: (denkt ein wenig länger nach) Ich bin nicht so sehr verrückt nach norwegischer Musik. Natürlich gibt es dort ein paar befreundete Bands. Ich mochte schon immer Bands wie Turbonegro. Mit denen habe ich noch nichts gemacht und sie sind eigentlich gute Freunde von uns. Dann gibt es da noch Darkthrone, eine Black-Metal-Band aus Norwegen, die ich wirklich respektiere. Aber mit wem würde ich gerne mal zusammen arbeiten? Ich weiß es nicht. Mir wurde diese Frage bisher noch nie gestellt…

 

Lea: Wenn man sich Songs wie “Green Queen” und “Pitch Black/Heat Death” anhört, kann man nur hoffen, dass nicht zu viel Selbstbiografie darin steckt, da die Texte nicht gerade positiv klingen?
Stephan: Die Sache ist die, dass die Welt heutzutage nicht sehr positiv ist, wie sie ist und so singe ich das auch im Song „Black vs. White“ mit Amanda Palmer, wo wir uns alle einig sind, dass das Schiff untergeht. Es ist wie die Titanic. Ich würde sagen, dass es nicht viel gibt dieser Tage, über das man sich freuen kann, wenn man ehrlich ist, zumindest gilt das für die westliche Welt. Kriege sind überall, weißt du. Es sieht sehr schlecht aus, schlechter als je zuvor. Es gibt also wirklich nicht viel, über das man glücklich sein kann. Ich selbst bin Christ und das Wichtigste ist, dass es einen Plan für alles gibt und dass es einen Gott gibt, der auf alles aufpasst. Und das ist für mich die Hoffnung und das Licht. Wenn ich diese Sachen nicht hätte, könnte ich mir noch nicht einmal vorstellen, was dann wäre. Ich weiß, dass es einen Gott gibt, der alles kontrolliert und auf uns aufpasst. Und alles, was momentan vonstatten geht, wurde bereits vor 3000 Jahren in der Bibel niedergeschrieben. Ich bin also nicht überrascht, wie die Welt heute ist. Ist das nicht bedrückend und negativ? Ja, das ist es. Aber ich habe Hoffnung und ich weiß, worum es geht. Ich weiß, dass dies einfach ein Plan ist und dass da jemand seines Amtes waltet.

A

Lea: Morgen ist Freitag der 13. Bist du abergläubisch?
Stephan: Freitag der 13. basiert grundsätzlich auf vielen Dingen, aber eigentlich geht es bei Freitag dem 13. um die Morde an den Tempelrittern. Die Tempelritter waren mehr oder weniger dabei, finanziell die Welt einzunehmen. Und der Vatikan, Papst und all die Könige jener Zeit – ich weiß nicht mehr, welches Jahr das war – haben beschlossen, loszuziehen und alle Tempelritter umzubringen und am Freitag den 13. festzunehmen. Und die Zahl 13 ist die Zahl der Rebellion. Ich bin definitiv auch selbst ein Rebell, aber ich rebelliere dagegen, was aus der Welt geworden ist. Ich weiß, dass es in Amerika zum Beispiel kein 13. Stockwerk in Hotels gibt und so weiter. Das ist natürlich großer Schwachsinn, aber es gibt definitiv ein paar wichtige Dinge, die die Zahl 13 betreffen, zum Beispiel in der Nummerologie und so weiter. Es geht also um Rebellion und auch in der Bibel wurde die Zahl 13 zum ersten Mal erwähnt, als es um die Rebellion gegen Gott ging.

 

Leider war dann auch schon die Zeit für das Interview rum, nichts desto trotz hinderte dies die Band nicht mit uns noch ein paar Fotos zu machen, Ein paar Sachen für eine Verlosung bei FH.Radio zu signieren und viel Spaß mit uns zu haben. Apoptygma Berzerk, eine der liebenswertesten Bands, welche wir bisher backstage treffen durften, dafür möchten wir den Jungs, wie auch dem Management und Veranstalter Scorpio, Radar sowie dem Label Gun Records danken.

 
Interview: Lea Sommerhäuser .[ face2face ]
Bilder:.Sandro Griesbach
Homepage www.apoptygmaberzerk.de